Zweifelhafte Zunft

Dramaturgie im Design

Gisela Matthes
Fachgebiet Dramaturgie und Konzeption, HTW-Berlin

Im Design? Wozu soll das gut sein? Warum nun auch im Design? Man hat ohnehin den Eindruck, die Dramaturgie breitet sich in der Medienwelt aus wie das Grippe-Virus im Winter. Oder hat das etwa mit der veränderten Medienlandschaft und der Umbewertung visueller Kommunikation zu tun? Schauen wir mal!

Da sind zunächst die Dramaturgen, eine ohnehin zweifelhafte Zunft. Sie haben das Privileg, alles von außen zu betrachten, ohne den Beweis des Selbermachens erbringen zu müssen. Am liebsten kommen sie zu den Endproben und stiften mit ihrem insistierenden »Und was soll das« heillose Verwirrung unter allen an der Inszenierung Beteiligten. So oder so ähnlich ist das Klischee vom Theater-Dramaturgen. Tatsächlich aber ist sein Arbeitsgebiet sehr vielseitig, wenig spektakulär und meist aus dem Hintergrund heraus. Da gilt es zu Konzeptionieren, zu Organisieren, zu Informieren und auch zu Moderieren. Aber hier geht es ja nicht um das Berufsbild eines Dramaturgen, sondern um das Sachgebiet Dramaturgie und seinen Einfluss auf das Design. Also nochmal alles auf Anfang.

Dramaturgie ordnet und strukturiert den Erzählinhalt, bereitet der Intention den Weg, fördert das Verständnis der Botschaft. Hier bietet sich ein Vergleich mit der Grammatik der Sprache an: Ohne Rücksicht auf grammatikalische Regeln wäre eine sinnvolle Kommunikation nicht möglich, nur aufgrund einmal getroffener allgemeiner Vereinbarung bekommt ein Satz, ein Text die für das Verständnis notwendige Logik. Und das macht analog

Ich bin von Haus aus Schlagzeuger
Warum Rhythmus im Design wichtig ist.

dazu auch die Dramaturgie. Und es gilt für alle Anwendungsbereiche, die sich mit dem Erzählen beschäftigen, vorwiegend natürlich für das Theater und den Film. Aber auch die Show braucht eine Erzählstruktur, und fast jede Ausstellung ist heute eine Inszenierung. Besondere Konjunktur hat zur Zeit die Dramaturgie im Wirtschaftsbereich. Storytelling scheint die Erfolgsformel im Marketing zu sein. Tatsächlich aber hat auch der Wirtschaftsbereich das Geschichtenerzählen als eine emotionale Schleuse seiner Botschaften entdeckt und nutzt sie sehr effektiv. Und damit sind wir schon nahe am Design.

Aber zuvor gilt es noch zu klären, was Dramaturgie in der Vermittlung von dramatischer Literatur bewirkt, der sogenannten Lesart eines dramatischen Textes. Ob Romeo und Julia sich im Sterben noch einmal bewusst wahrnehmen und somit getröstet ins Jenseits gehen oder ob, wie im Original, ein fatales Timing eine solche letzte Begegnung verhindert, ist eine Sache der Lesart und hat für die dramaturgische Struktur Konsequenzen. Das muss in der Inszenierung berücksichtigt werden. Ähnliches trifft auf die Umbewertung der dramatischen Figuren zu oder auch bei den zur Zeit sehr üblichen Regietheater-Varianten, wo alles einer Umdeutung unterliegt zum Zwecke der Aktualisierung. Man kann nicht über Dramaturgie sprechen, ohne das wichtigste Kriterium, den Konflikt, zu erwähnen. Über die Art und Weise der Konfliktgestaltung bzw. über seine Abwesenheit definiert sich die Form der Dramaturgie. Am Antigone-Stoff lässt sich das gut veranschaulichen. Während die Antigone des Sophokles

»Was Sokrates für Hassreden schrieb.«
Third Wave über Strategie, Vielfalt und die Zukunft

ganz im Sinne der Aristotelischen Dramaturgie Opfer des Konfliktes zwischen Göttergebot und Staatsgewalt wird, erzählt uns Bertolt Brecht die Geschichte auf eine ganz andere Art, eben mit den Mitteln des epischen Theaters, wo Kognition anstelle des Mitfühlens gefordert ist und der Konflikt nur mittelbar von Bedeutung.

 

Und dann gibt es da noch die »Antigone« des Jean Anouilh, die im Existenzialismus verwurzelte fatalistische Sicht auf den Stoff. Hier gibt es keinen Konflikt mehr, das Schicksal ist vorbestimmt, eine Entscheidung nicht gefordert und eine Handlung überflüssig. Ein Thema – auf die unterschiedlichste Weise vermittelt und mit ganz unterschiedlichem Gewinn. Und damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim Design. Diese Marginalie zur klassischen Dramaturgie sollte deutlich machen, wo ihr Potenzial liegt und wie es zu nutzen ist, auch für den Designer. Wir haben gesehen, dass Dramaturgie sich grundsätzlich mit Geschichten befasst, also mit Vorgängen und Handlungsverläufen, und sie dabei in eine der Botschaft angemessene Form bringt. Sie ist also das probate Mittel, Inhalte und Botschaften so darzustellen, dass sie ihre Wirkung entfalten und den Empfänger im beabsichtigten Sinne erreichen.

Und um Inhalte sollte es grundsätzlich im Kommunikationsprozess gehen und in den meisten Fällen auch um Geschichten. Diese können sich in einem Buch großräumig entfalten, sie können einem Musikvideo einen erzählerischen Rahmen geben, eine Ausstellung zum Erlebnis machen oder bei einem Werbeclip die Pointe setzen. Alles das sind Tätigkeitsbereiche des Designers und alle die Geschichten, die da erzählt werden, brauchen eine Erzählstruktur, also dramaturgisches Denken.

Wenn wir davon ausgehen, dass Gestaltung nicht verstanden wird als das Hübschmachen von Botschaften, sondern als selbständiger Teil des gesamten Kreativprozesses, wird sofort klar, dass hier ein inhaltliches Durchdringen, ein Werten und Strukturieren gefordert ist, mit anderen Worten: dramaturgische Kenntnis. Ob wir das nun gleich Dramaturgie nennen oder nur ein gut strukturiertes Konzept, was der gestalterischen Arbeit zugrunde liegen sollte, ist ohne Belang und hängt natürlich ab von der Aufgabe und dem Medium. Wichtig allein ist, dass die Botschaft auch ankommt (und hier liegt ein Potenzial der Dramaturgie). Denn der Dramaturg fragt, wie wir bereits wissen, provozierend: »Und was soll das?«

Was anderes gefällig?

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