»Wirklich Herzchen, du hast das Zeug zum Klassiker.«

Studenten entwarfen der Sexkollumnistin Paula Lambert ein neues Erscheinungsbild

Wenn Sex zur Marke wird. Spätestens seit den 90ern und »Sex and the City« ist die weibliche Lust und ihre Erscheinungen kein Tabu-Thema mehr. Frauen treffen sich nicht mehr vermehrt auf Tupper-Partys, sondern toben sich auf privaten Sex-Toy-Partys aus und kommunizieren offen über ihre Bedürfnisse und Besonderheiten. Sexkollumnisten und Autoren sind auf dem Vormarsch, Charlotte Roche in etwa konnte mit ihrem zweiten Buch »Schoßgebete« schon lange nicht mehr schocken. Alles ist schon da gewesen, nicht vieles kann noch überraschen oder brüskieren.

Wie positioniert man sich also auf einem Markt, der geradezu überrannt wird von neuen Gesichtern, auf dem derjenige der erfolgreichste ist, der den Medien die Schamesröte ins Gesicht treibt? Wie stellt man sich dar, ohne an Niveau zu verlieren? 2011 versuchten Studierende der HTW-Berlin sich an dieser Aufgabe. Gemeinsam mit ihrer Dozentin Daniela Hensel sahen sie sich einer Herausforderung gegenüber, die sich vom normalen Corporate Design unterscheidet, denn wie holt man Sex aus der schmierigen Ecke heraus?

Daniela Hensel zu dem Projekt:

Paula Lambert schreibt seit sieben Jahren regelmäßig für das Männermagazin GQ eine Sexkolumne. Ihr erstes Buch »Keine Angst ich will doch nur Sex« hat es auf die Bestsellerliste geschafft. Als Sexexpertin wird sie immer wieder in Talkshows eingeladen. Die Zeit war also reif, darüber nachzudenken, wie sich Paula Lambert in Zukunft im Markt der Beziehungs- und Sexexperten Deutschlands positionieren will. Wie wurde sie bisher von verschiedenen Zielgruppen wahrgenommen und wie möchte sie in Zukunft wahrgenommen werden? Bei dieser Idenditätsfindung wollte ihr der Corporate-Design-Kurs gerne behilflich sein. Bei mehren Treffen und bei einem Workshop hatte der Kurs die Chance Paula Lambert persönlich kennenzulernen und mit ihr gemeinsam mehrere mögliche Szenarien zu entwickeln, die sich jeweils in unterschiedlichen Erscheinungsbildern manifestierten. Gerade läuft Paula Lamberts neues Talk-Entertainment-Format »Im Bett mit Paula« auf ZDF-Kultur an und am Ende unseres Kurses erschien ihr zweiter Roman »Eine Frau mit Penentrationshintergund« im Piper Verlag.

Warum ausgerechnet dieses Projekt?

Die Aufmerksamkeitsspanne von Menschen ist leider geringer als man es gemeinhin, vor allem als Lehrende glauben möchte – außer wenn es thematisch um Sex geht. Ein Kursthema also, das mir die ganze Aufmerksamkeit der Kursteilnehmer garantiert! Nein im Ernst, es gibt auf der Welt immer noch ein paar wenige Themen, die völlig unberührt von Corporate Design sind. Ich fühle mich da immer ein wenig wie jemand, der das erste Mal ein unbekanntes Land betritt. Corporate-Design für eine Einzelperson, die sich auf dem Medienmarkt in Zukunft behaupten will, egal mit welchem Thema, ist für einen Corporate-Designer erst einmal etwas Neues.

Bier und Marken
Versuchung, Verkauf, Versprechen.
Super-Power-Premium-Plus
Wie aus einer Trotzreaktion ein Geschäftsmodell wurde

Der Begriff Corporate geht ja von einem klassischen Unternehmen aus, das aus vielen Einzelpersönlichkeiten und Meinungen besteht. Diese unterschiedlichen Haltungen in einem Unternehmen muss der Designer bzw. Berater zunächst immer erst durchsieben, bis am Schluss ein paar Goldklumpen übrig bleiben, die dann die Basis einer gemeinsamen Identität bilden. Das war in diesem Fall gar nicht nötig, da wir es mit einem One-Woman-Unternehmen zu tun hatten, was es für Studierende erst einmal einfacher machte in das Thema Corporate Design einzusteigen.

Entwürfe der Studenten für Paula Lamberts neues Corporate Design. Flyer, Buchcover, Lesezeichen und Plakate.

Gab es im Kurs anfangs eine Hemmschwelle?

Ja, bei mir gab es die. In den Semesterferien vor dem Kursbeginn, als ich mich in das Thema einarbeitete, wurde mir bei der Vorstellung, die Dinge beim Namen zu nennen schon mulmig. Und sicherlich bin ich bei der ein oder anderen Stelle zu Beginn auch einmal rot geworden, aber nach und nach entwickelten wir in dem Kurs eine erstaunliche Professionalität, mit dem Thema Sex umzugehen. Schade, dass wir bei den Besprechungen kein Tonband laufen ließen, wie wir teilweise über Penis- und Vaginaformen diskutiert haben. Das müsste sich für einen Außenstehenden sehr merkwürdig angehört haben.

Und bei den Kursteilnehmern?

Die waren erstaunlich cool. Es gab auch sehr interessante Seitengespräche zu Geschlechterrollen und eigenen Erfahrungen, aber ohne dass es je schlüpfrig wurde. Wirklich sehr, sehr angenehm.

Wie hat die Zusammenarbeit mit Paula Lambert geklappt?

Ich hatte das Gefühl, dass sie mit ihrer sehr natürlichen Art schnell beim Kurs punkten konnte. Sie hat auch die visuellen Zwischenergebnisse auf eine sehr direkte und nachvollziehbare, aber niemals verletzende Art kommentiert. Diese Gabe bringen leider nicht immer alle Kunden mit. Interessant war für die Studierenden sicherlich auch neben der Marke Paula Lambert, die Privatperson kennenzulernen und ein Verständnis dafür zu bekommen, was es heisst diesen Marken-Spagat vollziehen zu müssen, um sich als Privatperson auch schützen zu können.

Wie fand die Ideenfindung statt?

Nachdem die Studierenden ein Gefühl für den Markt und die Person Paula Lambert bekommen haben, ging es im nächsten Schritt darum, diese Erkenntnisse mit Hilfe von Markenwerten und einer Leitidee zu formulieren. So hat z.B. Josefine Seifert ihre Leitidee „SchneewiXchen“ genannt und aus dieser Idee Inspiration für die visuelle Umsetzung geschöpft. Das funktioniert nicht mit jeder Leitidee gleich gut, aber bei dem Begriff SchneewiXchen werden wir überflutet mit Assoziationen, die sich daraufhin prüfen lassen, ob sie der Marke Paula Lambert nutzen. Josefine hat sich sehr früh auf ihre Leitidee festgelegt. Manch andere/r hatte sich mit mehreren Leitideen ausprobiert, bis sie auf eine stießen, die dann auch passte.

Gab es in dem Projekt auch Frust und Durststrecken?

Ja klar, gab es die. Aber ich kann mir einen kreativen Beruf ohne Frust nicht vorstellen. Er gehört dazu und man sollte als Studierender möglichst früh Wege finden damit umzugehen. Auch die Tatsache, dass man beim Corporate Design manchmal sehr lange an einem Thema herum kauen muss, bis man die perfekte Lösung gefunden hat, war für manch einen eine ungewöhnliche Erfahrung. Ich bin davon überzeugt, dass es sich immer lohnt, dran zu bleiben, denn das Gefühl, mit viel Fleiß und Ausdauer eine tolle Umsetzung zustande gebracht zu haben, ist einfach großartig und kann süchtig machen. Und weil ich das weiß, kann ich diese Ausdauer mittlerweile auch mit bestem Gewissen einfordern.

Hat sich Paula Lambert für ein Corporate Design entschieden?

Die Entscheidung hat ihr der Kurs nicht ganz einfach gemacht, weil ihr einige sehr interessante Erscheinungsbilder vorlagen. Sie hat sich dann nach längerer Überlegung für den Entwurf von Arik Hohmeyer entschieden. Eine wirklich mutige und sehr gute Entscheidung, wie ich finde. Am besten man guckt es sich selbst an, es zu beschreiben würde viel von seinem wortwörtlichen visuellen Reiz nehmen.

Gibt es schon ein Thema für den nächsten Corporate-Design-Kurs?

Das nächste Mal beschäftigen wir uns mit dem Thema »Partizipatives Design«. Normalerweise versuchen Designer ihre Auftraggeber möglichst aus dem kreativen Prozess und der visuellen Umsetzung herauszuhalten. Dieses Mal soll der Auftraggeber möglichst umfassend von den Studierenden einbezogen werden, auch im Grafik Design. Der Auftraggeber stellt wunderschöne Designprodukte her – ebenfalls mit Nichtdesignern – es sind Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Klar, das ist eine echte Herausforderung, aber das wird auch spannend, weil ich mir von dieser Herangehensweise überraschenden kreativen Input erwarte. Aber mehr soll erst einmal nicht verraten werden…

Von Erbsen
und jenen, die sie interpretieren, die sie Zählen oder die etwas für Erbsen gestalten.
Der Schmetterling bei uns
Kann die Design die Welt verändern?

Was anderes gefällig?

icon