»Was ist denn das?! Das sammelt doch kein Mensch!«

Die Entdeckung der Bismarck-Stimme auf Tonspur

Schon als Bub interessierte sich Stephan Puille für Tonträger und suchte weltweit nach exotischen Schallplatten. Als er in seinem kleinen Heimatdorf in Oberbayern, wo die Post nur zwei Stunden am Nachmittag geöffnet hatte, ein Paket nach Japan verschicken wollte, stellte er die Mitarbeiter vor eine noch nie da gewesene Herausforderung. Riesige Kladden mussten unterm Ladentisch hervor gezogen werden, um zu schauen: wieviel kostets denn eigentlich?

Sein Vater ärgerte sich jedes Mal, wenn wieder ein Päckchen nach Hause kam, weil sein Sohn vermutlich erneut sein ganzes Taschengeld dafür verprasst hatte. Heute kann er seinem Vater sagen: „Wenn ich die Platten von damals noch hätte, könnte ich mich jetzt zur Ruhe setzen“. Doch damals brauchte Stephan Puille das Geld um sein Studium zu finanzieren und somit mussten die Schallplatten Stück für Stück weichen. Als er nach Berlin kam und ihm die Schallplatten, die er suchte zu teuer wurden, ging er ins Antiquitätengeschäft und fragte nach ganz frühen Schellackplatten. Dort antwortete man ihm spöttisch: »Was ist denn das?! Das sammelt doch kein Mensch!« Aber Stephan Puille dachte sich: »Super, dann bin ich jetzt der Erste, der damit anfängt.«

Natürlich war er nicht der Erste, wie er später feststellen musste, doch immerhin gibt es nur wenig Konkurrenz. Heute gehört er zu einer Handvoll Experten weltweit, die sich mit frühen Tonträgern auskennen. Er selbst kann sich das nur durch seine frühe Affinität zu Schallplatten und seinen Fähigkeiten als archäologischer Restaurator und Feinmechaniker erklären. Wahrscheinlich sei er dadurch prädestiniert für diese Arbeit. Wahrscheinlich sogar mehr als jeder Andere.

»Herr Feaster hatte vorher noch nie meine Stimme gehört.«

Heute ist Stephan Puille, Restaurator und Laboringenieur an der HTW und nennt sich selbst Tonarchäologe. Weltweite Kontakte besitzt er immer noch. Durch den bekannten Medienhistoriker Patrick Feaster erhielt er im Mai 2011 den Auftrag, eine Tonwalze in deutscher Sprache zu entschlüsseln. Während Puille davon berichtet, kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Das ist witzig, sagte Puille: »Herr Feaster hatte vorher noch nie meine Stimme gehört.« Erst als Stephan Puille mit den ersten Interviews in die Medien kam, konnte Patrick Feaster das erste Mal seine Stimme hören. Vorher kommunizierten sie jahrelang nur per E-Mail.

Natürlich war es Ehrensache, dass Puille den Auftrag annahm. Die Kiste, in der sich noch 11 weitere Walzen befanden, wurde bereits 1957 hinter dem Bett von Thomas Edison, dem Erfinder des Phono- graphen, entdeckt. Scheinbar hatte er sich eine »Best of«- Box mit den wichtigsten Tonaufnahmen zusammengestellt und davor Tag täglich sein Nickerchen gehalten. Leider gerieten die Rollen in Vergessenheit, waren teilweise zerbrochen oder konnten nicht entschlüsselt werden.

»Bevor ich anfange zu arbeiten, brauche ich eine Stunde Eingewöhnungsphase, um zu merken, dass ich jetzt wieder wissenschaftlich tätig bin.«

Am 25. Mai 2011 war es soweit, Puille wurde die digitalisierte Aufnahme der Walze zugesendet. Stephan Puille sagt von sich selbst: »Bevor ich anfange zu arbeiten, brauche ich eine Stunde Eingewöhnungsphase, um zu merken, dass ich jetzt wieder wissenschaftlich tätig bin.« Bei der Aussage muss er selbst etwas lachen. Doch noch am selben Abend konnte er das Geheimnis um die Rolle lüften.

Als er das erste Wort Friedrichsruh entziffert hatte, wusste er, das konnte nur Bismarck sein. Friedrichsruh war Bismarcks Alterssitz und niemand sonst hatte dort eine Aufnahme gemacht. Aufgeregt und angestachelt davon, dass Ihm jemand mit seiner Entdeckung zuvor kommen könnte, arbeitete er bis kurz vor Mitternacht und sendete dann die Transkription der Rolle, bis auf zwei Wörter, zu seinem Auftraggeber nach Amerika. Bei dem Gedanken muss Puille deprimiert stöhnen. Doch zum Glück, könne er sich nun als rechtmäßiger Entdecker der Bismarckstimme präsentieren, sagt er stolz. Über 120 Jahre war die Stimme Bismarcks verstummt und wurde an einem Abend wieder entdeckt.

»Und Sittlichkeit«

Die letzten zwei Wörter hatten es ihm angetan. Wahrscheinlich waren sie bereits von Anfang an nicht richtig aufgenommen worden, denn auch die damalige Presse erwähnte die zwei Wörter nicht. Manchmal, so erklärt Puille, würde das Gehör förmlich einhaken und man würde immer wieder dasselbe Wort hören, obwohl man weiß, dass es das Falsche sei. Doch in 99 % der Fälle, wenn das Wort wirklich richtig ist, würde man das auch hören. Wie ein Schlüssel im Schloss.

Zudem hat man es als Muttersprachler teilweise leichter. Puille fängt an zu murmeln: »gudn-morchn«. Er erklärt, dass man auf Grund der Satzmelodie schon verstehen könnte, dass es »Guten Morgen« heißen sollte, weil das Gehirn die Worte rekonstruieren würde. Das alles und seine gesammelten Aufzeichnungen der Tonträgergeschichte und der damaligen Presse helfen ihm beim Entschlüsseln und er konnte fast zwei Monate später die fehlenden zwei Wörter: »und Sittlichkeit« entziffern.

»Pass auf, du darfst in der Klasse nicht sagen, dass ich die Bismarckstimme zu Hause habe.«

Ab sofort hieß es absolute Verschwiegenheit, nichts durfte bis zur offiziellen Veröffentlichung raus kommen. Doch jemanden muss man doch vertrauen können? Puille beschloss seinen Sohn an diesem Ereignis teil haben zu lassen und spielte ihm als Ersten die Stimme Bismarcks von 1889, mit der entsprechenden Übersetzung vor. Um sich abzusichern sagte er zu seinem damals 12 -jährigen Sohn: »Pass auf, du darfst in der Klasse nicht sagen, dass ich die Bismarckstimme zuhause habe.«

Auch seiner Mutter hatte er frühzeitig von seinem Fund berichtet, wobei sie sich beinahe verplappert hätte. Sie sagte zu einer Bekannten, dass ihr Sohn die Stimme von Bismarck zu Hause hätte. Diese verneinte dies ungläubig und verbannte es wahrscheinlich in die Ecke der Märchen. Vielleicht, so überlegt Puille, könne Sie sich noch daran erinnern und wüsste jetzt, dass es die Wahrheit war.

»Wunder-wunderschön«

Der Tonarchäologe hat die original Bismarckwalze nie selbst in den Händen halten dürfen. Dennoch ist es ihm wichtig so einen Phonographen schon einmal gesehen, sein Knarren gehört- und seine Funktionen getestet zu haben. Deshalb befindet sich unter Anderem ein Phonograph und einige auserwählte Tonwalzen in seinem Besitz.

Sein besonderes Interesse gilt frühen Aufnahmen von russischen Opernsängern. Schon damals waren diese schwer zu bekommen, da viele durch die russische Revolution zerstört oder verboten wurden. Aber nicht nur wegen ihrer Seltenheit genießt Stephan Puille die alten Tonträger, denn sobald er die Augen schließt, sei er im russischen Zarenreich von 1901. Er sagt, dass sei »wunder-wunderschön« und schlägt mit seiner Stimme eine Schleife. Die Menschen damals hätten genau das Selbe, auf genau die gleiche Art und Weise gehört. Er würde schließlich die selben Abspielgeräte, die gleichen Nadeln und die gleichen Tonträger wie damals verwenden und die Luft habe sich auch nicht so großartig verändert.

Womit sonst würde man schon die Möglichkeit bekommen, so eine Zeitreise zu unternehmen. So zusagen eine Zeitmaschine, die vergangene Stimmen wieder lebendig macht. Im Fall von Bismarck ist dieser Punkt wahrscheinlich am wichtigsten. Für Puille bekäme man über die Stimme einen ganz anderen Zugang zu dem Menschen und wäre ihm somit viel näher.

Das kann ich gut nachvollziehen, jetzt wo ich die Stimme auf der walze gehört habe.

Der streng drein schauende, preußische Reichskanzler, welcher sich auf der neu entworfenen Verpackung der Walze befindet, erzeugt bei mir plötzlich ein ganz anderes Bild. So sanft und leise wie die Pastellfarben der Verpackung und der Walze, erscheint auch die Stimme von Bismarck. Sie ist gar nicht laut und kräftig, als würde sich die Hälfte der Worte in seinem buschigen Bart verfangen.

Aber bildet euch selbst eine Meinung: Tonaufnahme zum anhören …

Identifikation und Transkription: Stephan Puille, HTW Berlin   Nachbearbeitung der Audio-Datei: Norman Bruderhofer [www.cylinder.de]

Text zur Tonaufnahme:

Der Phonograph wird gestartet.

20 Sekunden vergehen, wahrscheinlich musste Bismarck erst überzeugt werden, etwas auf den Phonographen zu sprechen.

[Ansage von Wangemann:]

Friedrichsruh, am 7. Oktober 1889

3 Sekunden Pause, wahrscheinlich Übergabe des Sprechschlauches

[Bismarck spricht:]

»In good old colony times, when we lived under the King,
Three roguish chaps fell into mishaps because they could not sing.«

(englisches Gedicht)

»Als Kaiser Rotbart lobesam zum heil‘gen Land gezogen kam,
Da mußt‘ er mit dem frommen Heer durch ein Gebirge wüst und leer.«

(deutsches gedicht)

»Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus.
Post jucundam juventutem, post molestam senectutem Nos habebit humus.«

(lateinisches Gedicht)

»Allons enfants de la Patrie, le jour de gloire est arrivé!
Contre nous de la tyrannie, l‘étendard sanglant est levé.«

(Marseillaise)

Nach 10 sek wird der Phonograph abgeschaltet.

Die letzten Zeilen wurden erst später drauf gesprochen, wann ist nicht gewiss. Aber die Ansage läuft 15% langsamer und somit wurde wahrscheinlich zwischendrin eine andere Rolle eingelegt.

»Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn.«

(Ratschlag an seinen Sohn Herbert)

Es gibt Momente in denen ärgert sich der Tonarchäologe über Menschen, die den Beruf des Restaurators missverstehen: »Manche Schlauberger fragen, warum hat nicht einer mal das rauschen weggeschnitten, dann klingt’s mal anständig, dann kann man mal was hören«. Doch Puille weiß, das würde die Stimme nur synthetisch machen: »Ich weiß oder ich ahne, dass Bismarck so gesprochen hat. So wie es jetzt ist, ist es super.«

Auf zur Musterung
Ornamente als Spiegel eines Zeitgefühls

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