Von Erbsen

und jenen, die sie interpretieren, die sie Zählen oder die etwas für Erbsen gestalten.

Andreas Ingerl, Diplom-Designer und Diplom-Medienpraktiker

… langjährige Berufserfahrung als Art Director unter anderem in der IT­Branche – 2002 Entwicklung eines patentierten Verfahrens zu Musikvisualisierung ge­meinsam mit Prof. Ralf Dringenberg (HfG Schwäbisch Gmünd) – im Bereich der Medienkonzeption und Medienpsychologie an der TU Ilmenau tätig – seit 2010 Professor für audiovisuelles Multimedia und Screen­ Design an der HTW Berlin 

Das Land Der Erbsen

Es existiert ein vergessenes Land, welches von Erbsen un­terschiedlichster Art bevölkert wird. Vor der Küste des Landes liegt eine kleine Insel, bevölkert von Freigeistern, die stets um­triebig und höchst kreativ sind. Sie umgeben sich mit schlich­ten aber schönen Dingen. Sie bieten zwar den Erbsen auf dem Festland ihre Dienst an, würden die Welt um sich herum aber gerne ignorieren und unter sich bleiben. Nennen wir diese Erb­sen Designer.

Auf dem Festland lebt die große Zahl der Normal­Erbsen. Sie sind höchst unterschiedlich. Es gibt Erbsen, die träumen wie schön ihre Welt sein könnte und oft scheitern sie an ihrem Träu­men. Andere hingehen hegen den Anspruch, immer selbst im Recht zu sein. Das, was sie sagen und denken, ist stets die ab­solute Wahrheit. Nennen wir diese Erbsen Kunden oder Nutzer.

Unter den Normal­Erbsen gibt es eine kleine Gruppe von Marktschreier­Erbsen. Jeder der den anderen Erbsen etwas an­ bieten möchte sucht sie auf. Die Marktschreier finden immer ei­nen markanten Spruch, den sie dann lauthals allen anderen Erb­ sen zurufen, um sie davon überzeugen das beworbene Ding zu kaufen. Nennen wir sie Marketing.

Die nächste Gruppe der Erbsen schätzt zumeist die Qualitäten der Marktschreier­Erbsen. Sie rufen die Normal­Erbsen herbei, um Dinge, die andere Normal­Erbsen wiederum kaufen, herzu­ stellen. Diese Erbsen versuchen entweder mit ganzem Herzen Neues zu erschaffen, doch das sind die wenigsten, oder einen or­dentlichen Profit aus dem zu ziehen was sie herstellen. Nennen wir diese Erbsen Unternehmer.

Die letzte Gruppe ist sehr geachtet. Sie leben verstreut in alten herrschaftlichen Häusern, die sie beständig zu erneuern versu­chen ohne aber das Altehrwürdige zu verlieren. Ab und zu kom­men sie zu den anderen Erbsen und stellen ihnen Fragen. Da­nach verschwinden sie wieder in ihren Häusern. Selten kommen sie heraus um etwas mitzuteilen, was meist nur ganz wenige der anderen Erbsen wirklich verstehen. Untereinander sind sich die­ se Erbsen entweder befreundet oder verfeindet, wenn sie darum streiten wer den Anspruch auf Wahrheit besitzt. Nennen wir die­ se Erbsen Wissenschaftler.

Jede Erbse in dieser Welt gehört mehr oder weniger einer Gruppe an. Sie haben ein System erschaffen, in dem sie mitein­ander auskommen, zusammenleben und sich auch gegenseitig benötigen. Aber eigentlich sind sie sich alle fremd und suchen unaufhörlich nach einem gemeinsamen Nenner, den sie irgend­ wie nie wirklich finden.

Die Erbsen konstruieren ihre Welt.

Alles in dieser Welt ist konstruiert. Ob es ein Artefakt, ein Ge­sellschaftssystem oder ein Medienbericht ist. Der Konstruktivis­mus ist ein zentrales Element des Daseins. Durch das Erkennen wird in den Köpfen etwas konstruiert. Sei es ein Bedürfnis, eine Meinung oder eine Funktion. Stets wird versucht in möglichst allen Köpfen die gleiche Konstruktion auszulösen und entspre­chende Artefakte zu erschaffen. Meist wird sich dabei an der er­ kennenden Instanz orientiert und nicht an einer (möglichst) be­obachterunabhängigen »Realität«. Das stetige Problem: Was ist Wahrheit und was ist Realität. Es ist nicht möglich in die Köpfe sehen, auch wenn es immer wieder versucht wird. Sei es durch wissenschaftliche Methoden oder durch Beobachtung der All­tagswelt. Beides kann nur wage Ideen entwickeln, was wirklich gedacht wird. Somit muss Konstruktivismus weit radikaler interpretiert werden und damit das Eingeständnis, dass Realität und somit Konstruktion in jedem Individuum anders aussehen mag. Der radikale Konstruktivismus wäre also eine Absolution für jeg­liches Scheitern einer geplanten und sinnfälligen Konstruktion eines Artefakts für eine bestimmte (Ziel­)Gruppe. Wo also liegt der Kompromiss dieser beiden Sichtweisen? Im Versuch, doch in Köpfe schauen zu wollen, oder im Versuch, dem kalkulierten Zufall die Konstruktion zu überlassen?

Die Erbsenzähler

Die Methoden dieser Sichtweise der Welt sind Befragung, Be­obachtung, Experiment und Nadelstich. Es wird versucht, Mei­nung, Wissen, Einschätzung oder Verhalten von Subjekten im Verhältnis zu Objekten zu erfassen und auszuwerten. Empirie versteht sich dabei als Erfahrungswissenschaft. Durch meist hochkomplexe Methoden und Erhebungsinstrumente wird ver­sucht, ein kleines Stück Wahrheit zu erfahren und in eine beweis­ fähige Form zu überführen. Obwohl in der Regel methodisch einwandfrei gearbeitet wird, sind die Ergebnisse meist Nadel­stiche in einem umfassenderen Gesamtkomplex, dessen Über­tragung in eine praktische Umsetzung meist schwer fällt. Oft wird auch in Wissenschaftskreisen davor zurückgeschreckt, den Ergebnissen eine konkrete Handlungsanweisung beizufügen, denn diese müsste einer praktischen Überprüfung ausserhalb von Ratingskalen und Laborbedingungen standhalten. Zweifelhaft werden hier hochwertige und wertvolle Erkenntnisse entwi­ckelt. Doch sind diese von Nicht­Wissenschaftlern nur selten zu verstehen. Designer sind nicht ohne Weiteres in der Lage, Signi­fikanzwerte korrekt zu interpretieren und die Ergebnisse in ihre Arbeit einfliessen zu lassen.

Die Erbseninterpretierer

Die anekdotische Evidenz ist der Widersacher der Empirie. Die Alltagserfahrung ist zwar ein wichtiges Indiz von Erkennt­nis, entzieht sich aber zumeist dem Beweis und verbleibt somit als zwar vorhandenes Phänomen, ohne aber eine beweisbare ge­sellschaftliche Relevanz zu Tage zu fördern. Die Evidenz an sich ist hingegen das, was augenscheinlich ist und nicht angezwei­felt werden kann. Das eins plus ein zwei ergibt wird niemand anzweifeln. In diesem Spannungsfeld bewegen sich Design und viele weitere wertschöpfende Entwicklungen. Die »Lehnstuhl­forschung« wird oft als nicht wissenschaftlich abgetan. Im Fal­le der Philosophie darf dies bezweifelt werden, aber im Falle des Designs gilt abzuwägen, auf Grund welcher Informationen und Überlegungen ein Ergebnis zustande kommt oder letztendlich umgesetzt wird. Zunächst überzeugt ein Design ein Unterneh­men und nicht den Kunden selbst. Erst dann folgt der »Test« am Kunden als Käufer oder Rezipienten.

Der Schmetterling bei uns
Kann die Design die Welt verändern?

Was Designer und Unter­nehmer als richtig ansehen, muss nicht zwingend für Kunden richtig sein. Oft werden Diskussionen, die zu einem Ergebnis führen, auf Basis anekdotischer Evidenzen geführt. Doch was prägt die Alltagserfahrung von Designern und Unternehmern: Zu oft ist es die persönliche Meinung und zu selten der Blick über den Tellerrand oder das Wagnis, die Ergebnisse im Feld zu untersuchen. Entscheidungen werden an Tischen getroffen, die Fern ab einer externen Realität existieren. Die Stärke der Empi­rie, nämlich die Beweiskraft, fehlt der anekdotischen Evidenz zu­ meist gänzlich. Und doch werden erfolgreiche Produkte entwi­ckelt. Zufall? Oder sind nur jene Produkte erfolgreich, die zuvor beweiskräftig erforscht wurden?

Was nun, Erbse?

Individuelle Blickwinkel der Empirie, Hermeneutik, anekdoti­sche Evidenz und Alltagserfahrung unterscheiden sich grundle­gend. Empirie entwickelt selten etwas Neues, da hier nur der Sta­tus Quo erfassen werden kann. Hermeneutik kann Wunderdinge entwickeln, die aber wiederum nicht realistisch sein müssen. Die Alltagserfahrung ist immer gefärbt durch einen individuellen Blickwinkel und kann eine richtige oder falsche Konstruktion ei­ner Idee entwickeln. Jede dieser Sichtweisen sucht nach Metho­den, um die Ergebnisse abzusichern, seien es hoch mathemati­sche Formeln oder die Beobachtung unserer Welt.

Niemand hat recht und niemand hat unrecht. Es ist die Kunst, möglichst viele Blickwinkel auf einen Sachverhalt einnehmen zu können. Und das müssen alle Wissenschaftler, Designer und Unternehmer lernen. Und zwar gemeinsam. Denn nur von den jeweiligen Blickwinkeln können wir profitieren und daraus um­ fassende Erkenntnisse entwickeln. Der in vielen Wissenschafts­ disziplinen postulierte Mixed-­Method-­Ansatz, also die Nutzung verschiedenartigster Methoden zum Erkenntnisgewinn, muss konsequent gelebt werden. Es muss möglich sein, vom eigenen Blickwinkel abzurücken, so sehr wir auch davon überzeugt sein mögen.

Letztendlich sind aber die Nutzer die entscheidende Instanz. Sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Und doch sind sie nicht zwingend jene, die neue Produkte entwickeln (können). Nutzermeinungen, seien sie durch hochkomplexe empirische Methoden erhoben oder aus der Alltagserfahrung entlehnt, sind wichtig für neue Entwicklungen, aber sie dürfen nicht die letzte Instanz sein. Die letzte Instanz ist die Konzeption und die Gestal­tung eines Artefakts. Dafür benötigt es Experten, die zwischen Nutzermeinung und Fachwissen abwägen und entscheiden, bis wohin die Nutzer bei einem neuen Produkt folgen werden. Dafür sind universelles Denken, universelle Ideen und universelle Kon­zepte nötig, die es transdisziplinär zu entwickeln gilt.

Was anderes gefällig?

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