Rote Punkte

Was denken die Frischlinge über Preisverleihungen?

Kommentar von Carolin Kaspereit
(5. Semester Kommunikationsdesign, HTW Berlin)

Was die Welt schon immer wollte, es nur noch nicht wusste.

Um da mal was klarzustellen: Wir sind Gestalter. Wir Gestalter lieben Wettbewerbe. Wir lieben den Wettkampf, die Konkurrenz, lieben es, uns Nächte um die Ohren zu schlagen und alles nur, um besser als der Andere zu sein. Aber am allermeisten lieben wir es, wenn wir für diese Aufmerksamkeitskämpfe belohnt werden. Preise. Oh ja. Preise, Auszeichnungen, Trophäen und Siegel. Wir lieben sie so sehr, dass es viel zu anstrengend ist, darauf zu warten, dass uns jemand von alleine sagt, wie toll wir sind, auf unsere herausragende Leistung aufmerksam wird und uns mit einem wunderschön klingenden Titel kürt. Und wenn man etwas haben möchte, was hübsch aussieht und das Ego pflegt, kauft man es sich einfach. Moment. Preise kaufen? Schiebung! Könnte man meinen…

Warum eigentlich Awards?
Es macht einen großen Unterschied, wer Design bewertet.

Doch genau so sieht die Realität aus, gewissermaßen. Man nehme einfach einen großen Berg Geld, sammle ein paar Leute zusammen, die man kurzerhand zu »Experten« ernennt, oder suche sich echte Experten, denen es dann aber leider an Zeit fehlt, um an den Jury-Sitzungen teilzunehmen, gründe eine Initiative und gebe dem Ganzen einen nett klingenden Namen, am besten etwas mit »Design« und »Award«. Jetzt lässt man sich ganz viel Geld geben von Leuten, die den neuen, nett klingenden Preis gerne haben möchten – denn die mögen wir ja so – und schon haben wir beispielsweise den red dot design award. Klingt überspitzt, aber genau dieser Eindruck drängt sich einem geradezu auf, wenn man sich die Bewerber- und Gewinnerzahlen der letzten Jahre mal anschaut. Gewinnerquote von 10%. Gut, es muss ja nicht grade der Nobelpreis sein, wo es nur 1,95 Gewinner pro Verleihung gibt, aber die Chancen scheinen recht gut zu stehen, einen der Design-Awards zu erhalten. Mit dem red dot wurde nun ein Musterbeispiel gewählt. Er ist einer der ältesten und somit auch einflussreichsten Designpreise weltweit. Firmen profitieren vom Gewinn, Verkaufszahlen steigen, der Umsatz des red dot auch.

Was ist der Red-Dot?
Ein kleiner Überblick über einen der größten Designpreise weltweit.

Doch trotz Prestige und gutem Ruf ist ein Grünschnabel wie ich erstmal verdutzt von den Konditionen, die die großen Preise an ihre Anwärter stellen. Als ich damals mit acht Jahren mit den anderen Kindern um den Preis für das schönste Karnevalskostüm wetteiferte, bestand mein größter Aufwand darin, nicht in dem Einheitsbrei aus Bienen, Cowboys und Indianern unterzugehen. Eigentlich auch schon so etwas wie ein Designwettbewerb, früh übt sich schließlich. Und nun erklären sie einer achtjährigen mit Glitter und quietschpinkem »bezaubernde Jeannie«-Kostüm mal, dass sie doch bitte 140 Euro locker machen soll, um gegen die Anderen anzutreten. Und wenn sie gewinnt, bitte weitere 400 Ocken. Man würde vermutlich entweder eine zitternde Unterlippe und tränenfeuchte Augen ernten, oder einen kräftigen Tritt in den Schritt. Doch warum sieht es in der erwachsenen Welt der Preise und Auszeichnungen gerade genau so aus? Um eine Auszeichnung zu erhalten, scheint man sich nicht einfach nur anstrengen zu müssen; erst ist eine Anmeldung nötig (OK – ohne Anmeldung natürlich kein Preis, schon klar) und zwischen 140 und 240 Euro (OK – das sind zwei ausschweifende berliner Clubabende), Geld um in ein Jahrbuch zu kommen, und sollte man doch von den 5885 Bewerbern zu den 343 Gewinnern zählen, sollte man noch zwischen 1.285 und 1.900 Euro aus der Kaffeekasse zusammenkratzen, je nach Kategorie. OK – das ist nun wiederum für so manchen eine Monatslohn, inklusive Miete und Brötchen auf dem Tisch. Sprich, wenn du zu den erlauchten Auserwählten zählst: Haste Piepen, haste Preis(e).

Matthäus-Effekt: »Wer hat, dem wird gegeben.« Sprich nur den schon bekannten Forschern, sprich die einen Namen haben, erfahren Ehrung und ihre Theorien/ Erfindungen werden von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Kleine wirklich gute Theorien, Behauptungen werden von der Forschung nicht registriert… Aber wo bleiben denn nun die frischgebackenen Grünschnabel-Designer? Es scheint, das bleibt bei der Gleichung offen. Am Ende dieser Gleichung steht jedenfalls ein großer, sehr großer Haufen Geld. Nicht auf der Seite der Preisträger, sondern auf der Seite der Geber. Mein achtjähriges Ich würde nun die Hand offen halten und eine Belohnung erwarten. Ein Schoko-Eis vielleicht. Mein 23-jähriges Ich eher ein nettes Preisgeld. Wäre doch mal eine Idee, wenn das Geld auch an die Gewinner zurückfließt. Nüchtern betrachtet ist der red dot ein lukratives Geschäftsmodell, denn er verdient von Jahr zu Jahr mehr, da mehr Bewerber, mehr Geld. Und die prämierten Firmen dürfen sich einen roten Punkt auf die Produkte kleben, was die liebe Kundschaft glauben lässt, etwas Extravagantes und Hochwertiges zu kaufen.
Steht ja Design-Award drauf.

Man lese sich nur eine von vielen Auszeichnungsbegründungen durch: »Liegt gut in der Hand und verspricht eine intuitive Handhabung.« Klingt erstmal nach einem Kugelschreiber oder Rasierapparat.

Doch das Spielchen machen schon lange nicht mehr alle mit. Vor kurzem formierte sich eine anonyme Gruppe von Designern, die den red dot auf ihrer Seite red-dot-design-award.com (jetzt: designkommando.org) massiv anprangerten. In erster Linie muss der Gründer und Geschäftsführer Peter Zec dran glauben, das leider meist auf unnötig derbe Art und Weise, die mehr an muffige Schlammschlacht, als an konstruktive Kritik erinnert. Jedoch wurde durch die Website erschreckend deutlich, dass in den letzten Jahren so ziemlich alles ausgezeichnet wurde, was für die Menschen von zweifelhaftem Nutzen ist, aber trotzdem an den Mann gebracht werden muss – man beachte nur die Auszeichnung kondomartiger OP-grüner Fingerüberzieher aus Gummi. Zum hygienischen Essen. Klar.

Fips und die Fingerdips
Wie konnte die Welt nur ohne sie leben.

Man lese sich nur eine von vielen Auszeichnungsbegründungen durch: »Liegt gut in der Hand und verspricht eine intuitive Handhabung.« Klingt erstmal nach einem Kugelschreiber oder Rasierapparat. Nein, hierbei handelt es sich um den Auszeichnungstext eines Vibrators. Eines schnuckelig, knubbeligen Silikonvibrators in Schweinchenrosa. Intuitive Handhabung? Nun ja, man mag annehmen, dass die Bedienung eines elektronischen Phallus‘ die geistige Reichweite des Ottonormalverbrauchers, oder der red-dot-Jury nicht übersteigt, aber rechtfertigt anscheinend doch einen Preis.

Eine weitere Auszeichnung ging an den Buntstift Lyra Colorstripe. Begründung hier: »Die dreiflächige Form gibt dem Buntstift ein unverwechselbares Gesicht. Die Mine dient als Farbcodierung und die breite Flanke an der Spitze ermöglicht neben feinen Konturen auch das Schraffieren von Flächen und das Markieren von Texten. Das schwarz durchfärbte Holz unterstreicht die Qualität und die Farbe der Mine.« Und jetzt frage ich mich, inwiefern unterscheidet sich diese Beschreibung von jedem anderen Buntstift, den ich beim Aldi um die Ecke kaufen kann? Die
Mine dient als Farbcodierung? Wow! Wenn die nicht rot wäre, wüsste ich ja überhaupt nicht, was ich für einen Stift in der Hand halte! Und seit wann die Farbe schwarz die Qualität eines Produktes unterstreicht, ist mir auch  schleierhaft. Wenn, dann muss das Ding doch wenigstens goldbeschichtet sein – dies wäre dann auch in Zeiten der Finanzkrise gleich eine Wertanlage – oder mit Swarovski-Steinen besetzt sein, zum Verschenken an die Liebste oder wenigstens W-LAN Anschluss haben oder eine passende iPhone-App. Das würde doch preisverdächtig klingen, oder?

Eine produktivere Maßnahme kommt aus einer anderen Richtung. Juli Gudehus, Verfasserin des Lesikons und selbst erfahrene und anerkannte Gestalterin, rief den »Ehrenpreis« ins Leben. Ein unabhängiger Preis für Designer aller Sparten. Keine Gebühr, keine Kosten, keine faulen Tricks. Eine Auszeichnung, die laut eigener Aussage ganz unter dem Motto steht »Ehre wem Ehre, aber ohne Gebühr«. Ab 2013 sollen Arbeiten prämiert werden, die zuvor vorgeschlagen wurden und von besonderem gestalterischen Wert sind. Kein Wettbewerb also.
Ein ehrlicher und hoffentlich erfolgreicher Ansatz, der auch dem Nachwuchs eine Chance gibt sich zu beweisen.

»Ehre wem Ehre, aber ohne Gebühr«
Ein Interview mit Juli Gudehus, Gründerin des »Ehrenpreises«

Ja, wir Designer lieben Preise. So sehr, dass wir sogar bereit sind dafür zu zahlen. Und doch träumen wir eigentlich von einer anderen Welt. Vielleicht ist diese Welt unrealistisch, romantisch, post-sozialistisch oder was auch immer. Aber lasst uns nicht aufhören, Ideale zu haben, zu verfolgen und ausleben zu wollen. Also träumen und freuen wir uns auf den Preis von Juli Gudehus, mit vielen Einreichungen, einer Jury mit Fingerspitzengefühl und Preisträgern, die roten Punkten das Fürchten lehren.

Was anderes gefällig?

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