»Pirat oder Prinzessin? Das wird sich zeigen!«

Produktdesignerin Katharina Krämer über Stereotypen und Gender Codes im Design  

Die Verwendung von klischeehaften Stereotypen und Gender Codes bei der Gestaltung und Vermarktung von Produkten scheint für viele Unternehmen ein Geheimrezept zu sein. Doch müssen wir uns bei unserem täglichen Einkauf entscheiden, Tarzan oder Jane zu sein? Das Buch »Du Tarzan Ich Jane«, das Katharina Krämer in Zusammenarbeit mit Birgit Weller publiziert hat, hilft mit »Fundstücken« aus einer gender codierten Welt, genau dieser Fragestellung auf den Grund zugehen.

Katharina Krämer ist seit dem Diplom an der Fachhochschule Hannover im Jahr 2007 als freiberufliche Mitarbeiterin im Studiengang Produktdesign tätig. Seit 2008 ist sie selbstständige Produktdesignerin in ihrem eigenen Designbüro. 

KÖNNEN SIE UNS DAZU EINEN KLEINEN EINBLICK IN IHR WERK GEBEN?

»Du Tarzan Ich Jane« ist eine Sammlung von Produkten aus der Objekt- und Medienwelt, die wir als Fundstücke bezeichnen. Dinge, die uns täglich begleiten und uns und unser Denken, Handeln und Fühlen durch ihre genderspezifische oder stereotypische Gestaltung und Bewerbung beeinflussen. Die eine mehr, den anderen weniger, oft unbemerkt aber meist mit sehr klischeehaften Mitteln. Es finden sich aber nicht nur Dinge in Rosa und Hellblau in unserem Buch, oft arbeitet die Gestaltung viel subtiler und setzt vielfältige Unterscheidungsmerkmale – die sogenannten Gender Codes – ein, um gezielt Frauen oder Männer, Mädchen oder Jungen als Kunden zu gewinnen. Neben den genderspezifisch gestalteten Fundstücken zeigen wir auch am Markt erfolgreiche Produkte, die ohne Gender Codes arbeiten und mit dem Fokus auf Funktion, Ergonomie und Anwendungspräferenz gestaltet wurden.
Birgit Weller und ich beschäftigen uns seit einigen Jahren im Rahmen der Hochschularbeit mit diesem Thema. Um den Studierenden einen Zugang zum Thema Gender und Design zu ermöglichen haben wir Objekte und Informationen dazu gesammelt. So können Dinge nicht nur angeschaut sondern wirklich begriffen werden.

»Es gibt nun mal zwei Geschlechter und darüber sind wir sehr froh.«
Du Tarzan Ich Jane – Gender Codes im Design

Materialität und Verarbeitungsqualität spielen nicht selten eine Rolle, wenn es um geschlechtsspezifische Gestaltung geht und das ist auf Bildern nicht immer zu erkennen. Die Idee, aus dieser Sammlung ein Buch zu machen liegt unter anderem in der Tatsache begründet, dass es zum Thema Gender und Design viele Studien gibt, aber wenig anschauliche Literatur, die einen Einstieg in die Thematik gibt. Wir möchten die Menschen auf anschauliche und unterhaltsame Art über das Thema Gender und Design informieren.

»Du Tarzan Ich Jane - Gender Codes im Design « Birgit Weller und Katharina Krämer Ausstellung zum Buch

»Privat umgebe ich mich vorzugsweise mit uncodierten Dingen.«

SAMMELN SIE AUCH PRIVAT GEGENDERTE PRODUKTE?

Obwohl ich mich für einen aufgeklärten und durch die Emanzipation geprägten Menschen halte, bin ich im Verlauf unserer Arbeit immer wieder erstaunt über die Wichtigkeit, die die Unterscheidung der Geschlechter heute hat. Die Rolle und damit auch die Verantwortung, die wir als Gestalter dieser Objektwelt haben, ist mir durch die Arbeit mit Tarzan und Jane bewusster geworden.

WIE ERFOLGREICH IST IHR WERK UND WELCHE WELLEN HAT ES GESCHLAGEN?

Der Buchhandel stuft das Buch meist als sehr speziell ein, so dass es schwierig war, den Titel in die Ladensortimente zu bringen. Persönliche Feedbacks mit Lesern bestätigen aber unsere Annahme, dass das Thema eine hohe Relevanz hat und nicht nur unter kritischen Gestaltern und emanzipierten Frauen und Männern diskutiert wird. Die Aufmachung mit den großformatigen fotografischen Gegenüberstellungen im ersten Teil des Buches spricht die Leser an und weckt das Interesse, sich auch die weiterführenden Informationen, wie Werbetexte oder fachspezifische Erklärungen zu Gemüte zu führen.

WAR »GENDER« SCHON VOR IHREM WERK EIN FÜR SIE RELEVATES THEMA?

Bevor ich mit Birgit Weller die Hochschularbeit zum Thema Gender und Design begonnen habe war der Begriff mir geläufig. Ich hatte mich jedoch nie intensiver im Zusammenhang mit meinem Beruf damit beschäftigt. Die Frage nach den Geschlechtern und ihren gesellschaftlichen Rollen, Gleichberechtigung und Gleichstellung begleiten mich hingegen durchaus schon seit meiner frühen Jugend. Damals standen aber eher zwischenmenschliche, politische und gesellschaftliche Themen im Vordergrund und weniger die Zuweisung eines Geschlechts durch Produkte.

»Design kann die Zuordnung eines Gender beeinflussen.«

WAS HAT GENDER MIT DESIGN ZUTUN?

Design kann die Zuordnung eines Gender – also eines sozialen Geschlechts – beeinflussen.

DIE GENDERCODIERUNG VON PRODUKTEN WIRKT TEILWEISE UNFORTSCHRITTLICH, WIRD SICH DAS ZUKÜNFTIG VERÄNDERN?

Hoffentlich gibt es in Zukunft mehr Produkte, die möglichst vielen Menschen nützlich sein können – unabhängig von Geschlecht, Status, Herkunft. Genderspezifisch gestaltete Objekte können eine Bereicherung sein, wenn sie keines der Geschlechter stigmatisieren, diskreditieren oder diskriminieren. Die Notwendigkeit und Auswirkung einer spezifischen Gestaltung sollte von den Gestaltern immer überprüft werden.

LEBEN WIR SCHON JETZT IN DER ZEIT VON POSTGENDER?

Das Wissen um die Notwendigkeit des Universal Design ist vorhanden. Die Menschen sind scheinbar immer noch in der stereotypen Rollenzuweisung durch Produkte, Mode und Medien verhaftet. Momentan erleben wir in der Produktwelt eher eine rückschrittliche Entwicklung, was diese Rollenklischees betrifft.
Dramatisch ist dies erkennbar in den Spielzeug- und Kindermodeabteilungen – hier nimmt die Fixierung der Käufer auf codierte Produkte ihren Anfang. Je komplexer die Welt und die Anforderungen an den Einzelnen sind, desto wichtiger scheint es, eine Zugehörigkeit zu finden.

Universal Design?
Prof. Katrin Hinz erläutert.

WIE STEHEN SIE  SEBST ALS MUTTER EINER TOCHTER ZU GEGENDERTEM KINDERSPIELZEUG? BRAUCHT ES EIN ÜBERRASCHUNGSEI FÜR MÄDCHEN?

Unsere Tochter ist noch nicht im Piraten- oder Prinzessinnenalter – noch ist alles neu und spannend. Wir wünschen uns, dass sie die Welt als Ganzes bespielen kann und will und dass die Farben dieser Welt nicht auf Blau- oder Pinktöne reduziert werden. Vielleicht entscheidet sie sich irgendwann für das Schiff oder das Schloss – ob sie dann Piratin oder Smutje, Prinzessin oder Hofdichterin wird, werden wir sehen … Der Sinn eines speziellen Überraschungseies für Mädchen bleibt mir verschlossen – sammeln nicht alle Kinder gern Figuren und basteln an kleinen Spielzeugen?

»Ich gehe gerne ins Stadion und nutze die Dauerkarte meines Mannes«

SCHAUEN SIE ALS FRAU GERNE FUSSBALL ODER SIND SIE GAR FAN EINES VEREINS?

Mein Fußballinteresse ist in den letzten Jahren etwas geschwunden. Ich kenne nicht mehr alle Vornamen der Spieler aus der ersten Liga und habe Schwierigkeiten, mir die aktuellen Tabellenplatzierungen zu merken. Ich gehe gerne ins Stadion und nutze die Dauerkarte meines Mannes oder von Freunden, wenn sie selber keine Zeit haben. Ich bin kein Fan eines Vereins, es gibt Sympathen und Unsympathen, wie im richtigen Leben, obwohl es doch nur ein Spiel ist…

SIE SIND ALS ABGÄNGERIN DER HOCHSCHULE HANNOVER IN DIE ARBEITSWELT GESTARTET, WAR ES SCHER FUß ZU FASSEN?

Den Schritt in eine Festanstellung habe ich aus unterschiedlichen Gründen nicht gemacht. Sich als Selbstständige oder mit eigenem Büro zu etablieren ist eine Herausforderung. Mein Weg in den ersten Jahren war eine Mischung aus Hochschularbeit, Autorendesign und Auftragsarbeiten. Sehr anstrengend, aber extrem lehrreich!

»Es kommt auf die innere Haltung an und auf das, was man nach außen vertritt.«

HABEN ES MÄNNER ODER FRAUEN SCHWERER IN DER AGENTUR- UND ARBEITSWELT VON HEUTE?

Ich schätze die Chancen und Schwierigkeiten im Berufsleben von Designern eher geschlechtsunabhängig ein. Das hohe Engagement, das von Designern (besonders zeitlich) gefordert wird, macht die Entscheidung für die Gründung einer Familie nicht leicht. Obwohl das für Frauen wie für Männer gilt, sind die Frauen jedoch eher betroffen, dafür meist länger pausieren. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor schwierig. Hier unterscheidet sich unser Berufsfeld aber nicht von anderen. Es kommt auf die innere Haltung an und auf das, was man nach außen vertritt.
Das hohe Engagement, das von Designern (besonders zeitlich) gefordert wird, macht die Entscheidung für die Gründung einer Familie nicht leicht. Obwohl das für Frauen wie für Männer gilt, sind die Frauen jedoch eher betroffen, dafür meist länger pausieren. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor schwierig. Hier unterscheidet sich unser Berufsfeld aber nicht von anderen.

»Eine Unternehmerin muss ein bisschen Alpha sein.«
Victoria Chirita von AlphaBambi über Asien, Geschmack und Selbständigkeit

»Denkende Menschen haben alle die gleichen Vor- und Nachteile. «

HAT EINES DER GESCHLECHTER VORTEILE IM BERUF DES DESIGNERS?

Nein.
Denkende Menschen haben alle die gleichen Vor- und Nachteile. Der bessere Designer ist, wer das Bekannte und Vorhandene überprüft, sich in andere Menschen hineinversetzt, Szenarien entwickelt und nach Lösungen sucht, die möglichst vielen Menschen dienlich sind und die Ressourcen schonen.

WAS HALTEN SIE ALS FRAU VON DER „FRAUENQUOTE“?

Es wäre wünschenswert, wenn wir sie nicht bräuchten …

GREIFEN SIE EHER ZU HOSEN ODER RÖCKEN?

Meist Hosen aus praktischen Gründen wie Fahrrad fahren und auf dem Fußboden mit meiner Tochter spielen.

»Jungsspielzeug und Mädchenkram.«
Birgit Weller über Gender, Mode und Zukunft
»Mode kann auch unfair sein.«
Ungerechtigkeiten und Vorurteile der Modewelt

Was anderes gefällig?

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