Mein gelbes iPhone

Von Peter Haffner

Wir vertwittern unsere Zeit und fragen uns, wo sie bleibt

Fast jeder hat ein schwarzes iPhone. Manche haben ein weisses. Ich habe ein gelbes. Nicht nur eines, sondern Dutzende. Sie stecken in den Taschen meiner Jacketts, den Freizeit- und Sportjacken, dem Regen- und dem Wintermantel, ja sogar in der Brusttasche mancher Hemden und natürlich in jedem Gepäckstück, das ich besitze. So kann es mir nie passieren, dass ich keines bei mir habe, wenn ich aus dem Haus bin.

Netzadapter brauche ich nicht, weil meine iPhones ohne Batterien funktionieren. Die Aufforderung im Flugzeug, alle elektronischen Geräte abzuschalten, ignoriere ich, senden doch meine keine Strahlen aus, die den Bordcomputer zum Crash bringen. Auch die Flight Attendants sehen das ein, und dass mein gelbes iPhone drahtlos Gedanken übertragen kann, muss ich ihnen ja nicht unter die Nase halten. Es tut dies jedes Mal, wenn ich es in der Hand habe und auf das weisse Display blicke.

Zum Beispiel Gedanken wie diesen: »Wenn ein Buch und ein Kopf aneinanderstossen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?« Richtig, das ist aus den Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg, und mein iPhone ist denn auch nicht von Steve Jobs, sondern von Reclams Universal-Bibliothek; jene gelben, guten und getreuen Weggefährten, die praktisch und preiswert sind und einen nie enttäuschen, weil der Strom alle ist. Ich habe immer eines dieser Büchlein bei mir, um Wartezeiten zu überbrücken, sei es in der Schlange vor dem Billettschalter, wo der Vordermann eine Reise von Schlieren nach Shanghai mit Zwischenhalt in Sydney bucht, oder beim Zahnarzt, wo Heftchen auf liegen, aus denen man erfährt, dass DJ Bobo und Lady Gaga mit einem Baby namens Buddha schwanger sind.

»All dein Tun und Denken sei so beschaffen, als solltest du möglicherweise im Augenblick aus diesem Leben scheiden «, sagt Marc Aurel in seinen Selbstbetrachtungen, einem meiner Reclam-Begleiter. Man wende nicht ein, im iPhone könne man den ganzen Shakespeare haben. Man kann, aber Gebrauch davon machen tut kein Mensch, weil all die Apps und Appetizers, von denen man nie genug bekommt, das verhindern. Und sagt mir einer, mit dem iPhone stehe man rund um die Uhr in Verbindung mit wirklichen Menschen, sei es per Telefon, SMS, Facebook oder Twitter, frage ich: Wozu? Um was zu erfahren? »In der Freundschaft wie in der Liebe ist man oft glücklicher durch das, was man nicht weiss, als durch das, was man weiss«, steht im Bändchen mit den Maximen und Reflexionen von La Rochefoucauld.

Jedes Tischgespräch wird heute ruiniert, weil noch bei der dämlichsten Frage, die auftaucht – »Wer schrieb Goethes Faust?« – einer sein iPhone zückt, Gott Google konsultiert und alsbald triumphierend verkündet: Gretchen! Da lobe ich mir meine Reclam-Büchlein, die, so federleicht sie daherkommen, sorgfältig ediert sind, versehen mit Einleitung, Nachwort, Anmerkungen und Literaturhinweisen, Namen- und Sachregister. Wie traurig ist doch die Party, bei der jeder und jede mit dem Smartphoneflirtet statt die Sommerabendstimmung zu geniessen, die der Dreizeiler des japanischen Dichters Buson ausdem Reclam-Band Haiku so eingefangen hat: »Als tiefes Schweigen / Und Pause zwischen den Gästen / Die Bauern rosen«.

Meine Reclam-Bändchen sind zerlesen und zerknittert, manche haben einen Regenguss abbekommen, einen Kaffee- oder Weinfleck. Macht nichts. Sie kosten nicht viel, und lässt man eines irgendwo liegen, braucht man nicht in Panik zu geraten wie beim Verlust seines iPhones: Mag der, der es findet, sich daran erfreuen. Die dickeren Büchlein, wie etwa Montaignes Essais, Pascals Gedanken oder die Gespräche von Konfuzius, verwahre ich in robusteren Kleidungsstücken, während die dünnen, wie etwa Senecas Vom glückseligen Leben, selbst in der Brusttasche des kurzärmligen Polohemdes nicht auf liegen. »Wir haben nicht zu wenig Zeit; wir vergeuden zu viel!« mahnt durch die Jahrhunderte der alte Römer, von dem wir heute noch lesen, weil er die seine nicht vertwitterte.

Nicht überzeugt? Dann kann ich nur mit Laotse sagen, Tao Te King, Reclam-Band Nr. 6798: »Wahrlich: Von jenem lass! Dieses erfass!«

Aus dem »Magazin« des Zürcher Tages-Anzeigers vom 9. Juli 2011.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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