»Ich bin eine Renaissance-Antiqua.«

Jürgen Huber über seine Zielstrebigkeit und eine berufliche Laufbahn ohne große »Schnörkel«.

Wir treffen Prof. Huber im Typo-Raum, beim gedimmten Licht einer Stehlampe, zum Interview und wollen wissen, woher er all seine Erfahrung hat und was ihn eigentlich an die Hochschule brachte.

Wie haben Sie Ihren heutigen Tag begonnen?

Private Frage, ja? Na wie immer, aufstehen, duschen, frühstücken. Nichts besonderes.

Wer sind Sie und was machen Sie?

Wer bin ich? Das ist ja eine der schwierigsten Fragen im Leben überhaupt, oder? Was ich mache? Da tue ich mich ein bisschen leichter. Ich bin hier an der Hochschule im Fach Typografie für 2D-Design und Typografie zuständig und das seit 2004.

Wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?

Ich habe einen relativ zielstrebigen Werdegang, ohne große »Schnörkel«. Ich habe schon früh gewusst, was ich machen will und habe das dann in Essen relativ lange studiert. Ich habe 8 Jahre studiert. 8 Semester klingt besser, aber 8 Jahre waren es tatsächlich. Ich bin dann zum Praktikum nach Berlin gekommen, zu MetaDesign. Da habe ich dann nach meinem Studium wieder 8 Jahre gearbeitet, bevor ich hier an der Hochschule gelandet bin.

Weil man das Ding natürlich auch irgendwo verkaufen muss.
Zu Besuch bei MetaDesign Berlin.

»Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn nie einen Pitch gewonnen.
Das ist wie verrückt!«

Was für Höhen und Tiefen haben Sie in Ihrer Laufbahn schon erlebt?

Also ich habe sicherlich berufliche Erfolge erlebt. Eine der wichtigsten war als Student, als ich an einem Signet-Wettbewerb für die Bundesregierung teilgenommen habe, den ich mit meiner Kommilitonin Lisa Eidt gewonnen habe. Das hat mir dann das Praktikum hier in Berlin verschafft, was sicherlich der Start meiner beruflichen Karriere war. Rückschläge gibt‘s natürlich auch immer wieder, aber ich würde sagen, eher im kleineren Maßstab. An wirklich herbere Geschichten kann ich mich nicht erinnern. Ich war nie selbstständig, bin nie mit irgendeiner Firma pleite gegangen, bin nie gekündigt worden.

Er denkt angestrengt nach und dann fällt‘s ihm plötzlich ein: Ein gravierendes Phänomen, das sich durch seine Karriere zog. Sein Tonfall ist beinahe empört. Er scheint es noch immer nicht verarbeitet zu haben.

Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn nie einen Pitch gewonnen. Das ist wie verrückt! Ich habe eine Liste mit tatsächlich 15 Pitches, an denen ich mitgearbeitet habe und die wir verloren haben. Ich habe immer gesagt »Leute, nehmt mich nicht mit zum Pitch dazu, wenn ihr den gewinnen wollt!« Komischerweise war das immer so, dass wir die Dinger, wo ich mit dabei war, nicht gewonnen haben. Und wir haben viele gewonnen. Aber ich fand das nie schlimm. Man muss ja immer gucken, hat man jetzt versagt, oder hat man sein Bestes getan. Und wenn man der Meinung ist, man hat sein Bestes getan, aber es kommt dann doch nicht dazu, dass die Arbeit letztendlich umgesetzt wird, ist das so schlimm nicht.

Was bedeutet es für Sie Professor für Typografie an der HTW Berlin zu sein?

Ich wollte das immer werden. Ich habe schon eine ganze Weile, als ich noch in der privaten Wirtschaft tätig war, Lehraufträge übernommen und Vorträge gehalten. Ich fand das immer interessant, anderen die Erkenntnisse, die man selbst gewonnen hat, mitzuteilen. Das hat mir immer großen Spaß gemacht und insofern hab ich das auch mit einer gewissen Zielstrebigkeit verfolgt. Und ich hab mich sehr gefreut, dass das damals, 2004, geklappt hat. Die Arbeit mit den Studierenden macht mir nach wie vor großen Spaß.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Der heutige ist schon relativ typisch. Und zwar ist es immer ziemlich konzentriert und dicht in diesem Raum. Mein Arbeitstag läuft so: Ich komme hier hin, bin dann bis zum Ende in Gesprächen mit den Studierenden und gehe wieder. Ganz klar strukturiert, abgesehen von einer kleinen Mittagspause. Aber es ist eben nie langweilig. Die äußere Struktur ist immer ähnlich, aber natürlich sind die Gespräche und die Arbeiten immer anders.

Haben Sie ein Vorbild?

Das ist ja ein Problem unserer Generation, dass wir nicht mehr so viele Vorbilder haben.
Gestalterisch würde ich aber sagen, gibt es doch ein paar. Es gibt Leute, die Schriften machen, die ich sehr toll finde. Das sind natürlich die ganzen alten Schriftentwerfer, die ich bewundere, weil sie mit einer ganz anderen Technik konfrontiert waren, als wir heute sind. Wir tun uns sehr viel leichter, was z.B. die Vorschau beim Entwerfen angeht. Früher musste man die Schrift wirklich fertig machen und konnte anschließend erst sehr spät beurteilen, wie es dann nun tatsächlich aussieht. Insofern sind natürlich die Schriftentwerfer, die noch in Blei und später dann manuell mit Zeichnungen gearbeitet haben, sehr zu bewundern.
Im allgemeinen Grafikdesign finde ich Leute bewundernswert wie Alan Fletcher oder Bob Gill.

Woher nehmen Sie Ihre Inspirationen? Sind ihre Vorbilder eine Quelle der Inspiration?

Eher nicht. Das sind andere Einflüsse. Das kann aus einer x-beliebigen Richtung kommen, die Form eines Gegenstandes vielleicht, aber auch oft geschriebene Schrift. In letzter Zeit schaue ich mir immer öfter Schreibanleitungen aus den 50er Jahren an, die sich vor allen Dingen an Schildermaler richten. Das finde ich momentan ganz interessant und das ist mitunter recht inspirierend.

»Ich finde die Formen oft nicht schön, sehr wurstige Formen.«

Welchen aktuellen Trend können Sie hinsichtlich der Typografie bei den Studenten beobachten? Und in der Designszene?

In der Designszene würde ich mich schwer tun, da ich der Meinung bin, dass es immer ziemlich viele Stile parallel gibt. Wenn man einen ausmachen müsste, wäre das vielleicht so eine Art 80er Revival. Da ist für mich das alte »Gossip-Logo« die Ikone dieser Stilrichtung, die auf Linearität und auf Dreiecken beruht. Was den Schriftentwurf konkret angeht, da gibt es zur Zeit eine Tendenz zur Pinseligkeit, mit Pinsel geschriebenen und eher verzierten, schwungvollen Schriften. Myfonts.com ist gerade voll davon.

Wir lachen über diese wunderbare Beschreibung. Er fragt verwundert: »Habe ich das zu Ihnen auch schon mal gesagt?«. Wir können das glücklicherweise verneinen.

Die meisten finde ich nicht gut gemacht. Es gibt wenige Ausnahmen wo das auch funktioniert. Ich finde die Formen oft nicht schön, sehr »wurstige« Formen. Ja, es ist schwer in Worte zu fassen, denn was ist eine schöne Form? Da haben viele eine andere Auffassung. Aber ich finde eben, wenn es handwerkliche Defizite gibt, dann lässt sich das immer viel leichter festmachen.

Welche Projekte betreuen Sie derzeit?

Ich betreue gerade im 3. Semester das Thema »Banknoten«. Es läuft jetzt gerade in der heißen Phase, wir geben nächste Woche ab. Ich bin gespannt welche Ergebnisse mich noch erwarten. Die Aufgabenstellung setzt einerseits eine relativ virtuose Handhabung von Illustrator voraus, bietet andererseits viel Raum zum Experimentieren. Ich halte das Thema für sehr vielversprechend, was zum Austoben.
Das andere Projekt, das ich gerade im 5. Semester betreue ist traditionell im Wintersemester »Einführung in den Schriftentwurf«. Wir haben uns vorgenommen, die Ladenfronten in der Wilhelminenhofstraße zu verschönern. Jeder Studierende hat sich eine gegriffen und entwirft für eine Ladenfront eine Type. Die Idee dazu ist von Katrin Hinz. Ich habe das Potenzial dieser Idee erkannt und dankbar übernommen. Es ist ein bisschen gelogen, das Thema, weil wir natürlich nicht das Ganze sehen. Wir blenden die Läden und Ihre Gestaltung innen komplett aus. Das heißt unsere Fronten werden schöner, als die Läden tatsächlich sind. Wir werden Modelle bauen, die wir dann frei aufhängen oder in Bilderrahmen präsentieren. Es sind tolle Sachen dabei. Ich bin wirklich begeistert und ich bin auch erstaunt, wie durchgängig hoch das Niveau ist.

Projekte, die bei Prof. Huber im Fach Typografie entstanden sind.

Sind die Studenten von heute denn die Gleichen wie damals, oder verändern sie sich von Jahr zu Jahr?

Schwer zu sagen. Man muss vorausschicken, dass wir Professoren natürlich immer älter werden, immer mehr Erfahrung sammeln, vielleicht auch ungeduldiger werden, die Studierenden aber immer im annähernd gleichen Alter, im gleichen Level zu uns kommen, während wir uns bewegen. Von daher ist vielleicht die Spanne, von der man drauf guckt, immer ein bisschen größer. Was ich eindeutig festgestellt habe ist, dass die wenigsten, die heute kommen, noch zeichnen können. Diese Fähigkeit schrumpft wirklich von Jahr zu Jahr sichtbar. Ich halte das Zeichnen nicht für eine  ganz elementare Fähigkeit, die man unbedingt haben muss, um Kommunikationsdesign zu studieren, aber es ist auffällig, dass dieses manuelle Element immer weiter abnimmt. Das eine ist die Hand, das andere ist der Kopf. Und wir müssen als Lehrende immer versuchen beides zusammen zu kriegen.

Welche Eigenschaften muss ein Professor mitbringen, um angehende Designer bestmöglich auszubilden?

Also ich meine es gibt zwei Gebiete in denen wir hier Leuten weiterhelfen können. Das sind einmal die gestalterischen Fähigkeiten, das ist so das Grundstudium, da machen wir Farbe, Form, Technik und ein bisschen den Versuch manuelle Fähigkeiten nach vorne zu bringen. Und auf der anderen Seite muss man lernen, dass Design nicht nur »bunte Bildchen malen« ist, sondern, dass es um das Ordnen, das Kategorisieren, das Auseinanderklamüsern geht und darum, Dinge zu konzeptionieren. Das eine ist die Hand, das andere ist der Kopf. Und wir müssen als Lehrende immer versuchen beides zusammen zu kriegen.

Was muss ein Typograf mitbringen?

Ich finde, er hat mehr als andere, einen bestimmten Blick fürs Detail. Das heißt eben, einen bestimmten auf die Typen, die passen, oder nicht passen, einen bestimmten Blick auf die Anwendung dieser Typen hinsichtlich der Detailtypografie, dem Layout und dem Textverhältnis zum Bild.

»Wenn ich spüre, dass jemand sich sehr tief und leidenschaftlich mit seinem Thema auseinander gesetzt hat, dann ist es meistens auch theoretisch und praktisch eine sehr gute Arbeit geworden.«

Was zeichnet eine gelungene Bachelorarbeit aus?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine sehr gute Bachelorarbeit auch immer eine Arbeit mit einer starken persönlichen Bindung ist. Wenn ich spüre, dass jemand sich sehr tief und leidenschaftlich mit seinem Thema auseinander gesetzt hat, dann ist es meistens auch theoretisch und praktisch eine sehr gute Arbeit geworden. Wenn ich von Anfang an spüre, dass jemand mit seinem Thema nicht warm wird, dann führt es manchmal doch noch zu ordentlichen formalen Ergebnissen, es wird aber nicht die Klasse erreichen, wie wenn jemand wirklich in seinem Thema aufgeht und dafür Feuer und Flamme ist. Deshalb rate ich immer, Bachelorthemen aus dem persönlichen Interessenskreis zu schöpfen.

Was war das spannendste Projekt in Ihrer Laufbahn? Und welches ging mal richtig in die Hose?

Das spannendste Projekt war sicherlich die Hausschrift für die Bundesregierung. Wobei das eigentlich gar nicht »spannend« war, also nicht in dem Sinne, dass es »Aufs und Abs« und Termindruck und alles Mögliche gegeben hätte, sondern es war wirklich von der Aufgabe her hochspannend, vom Ablauf her aber eines der, vielleicht sogar DAS ruhigste, konzentrierteste Projekt, das ich jemals gemacht habe. Ich habe vor zwei oder drei Jahren ein Logo gemacht, wo ich meine, das es  wirklich ein extrem gutes Zeichen war. Da haben wir lange dran gearbeitet und zwei Tage vor Übergabe an den Kunden haben wir festgestellt, dass es ein ganz ähnliches Zeichen schon in einem anderen Kontext gibt. Das hat mich wirklich geärgert. Also da würde ich sagen, das ist einfach wirklich in die Hose gegangen. Da ist sehr viel Arbeit verloren gegangen und es war einfach ärgerlich, da man ja auch immer eine bestimmte emotionale Bindung an seine Arbeit hat.
Aber ich habe in der freien Wirtschaft auch gelernt, loszulassen. Wenn so ein Projekt dann Kundenseitig abschmiert, weil es da irgendwelche Faktoren gibt, die nicht meinem Einfluss unterliegen, dann hat mich das eigentlich nie besonders tangiert. Man lernt das im Laufe der Zeit von sich fern zu halten.

»Ich liebe es, mit den Studierenden gemeinsam Sachen entstehen zu sehen.«

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Job und was hassen Sie manchmal daran?

Ich hasse jegliche Art von Papierkram, wie glaube ich jeder Gestalter. Ich glaube ich habe noch keinen Gestalter getroffen, der sagt, er stellt gerne Rechnungen und macht gerne die Steuererklärung und ich habe auch noch keinen Prof. getroffen, der sagt er macht gerne die Lehrverpflichtungserklärung. Ich glaube, dass wir Designer grundsätzlich ein anderes Verhältnis zu Papier haben, das wir gerne anders bedruckt sähen.
Was liebe ich? Ich liebe es, Lösungen zu finden, ich liebe es, Formen zu finden, ich liebe es, mit den Studierenden gemeinsam Sachen entstehen zu sehen.

Haben Sie eine Lieblingsschrift? Wenn Sie selbst eine Schrift wären, welche wären Sie?

Ich habe mehrere Lieblingsschriften. Vor zwei Wochen bin ich auf eine gestoßen, die ich ganz toll finde, die heißt »Saline«. Mann kann vielleicht nicht sagen, sie ist meine Lieblingsschrift, aber das ist so eine Schrift, die hätte ich gerne selber gemacht. Meine eigenen Schriften benutze ich zum Beispiel fast nie. Das ist mir zu nah. Andere Kollegen machen das, ich mache das nie. Ich weiß nicht, ob Musiker ihre eigene Musik hören, oder Schriftsteller ihre eigenen Bücher lesen? Das ist, als wenn man einen Musiker fragen würde, welcher Song wärst du. Wahrscheinlich wäre es die Summe der Songs. In jeder Schrift steckt so ein bisschen was. Auch in meinen Schriften steckt immer ein bisschen was von mir. Man kann aber nicht alle seine Facetten, die man zumindest glaubt zu haben – vielleicht ist man ja doch nur Helvetica – in eine Schrift packen.

Lieblingsschriften
Nachgefragt auf der Typo 2012

Und wenn wir von Schriftklassen sprechen?

Ich freue mich sichtlich, endlich eine aussagekräftige Antwort auf die Frage zu erhalten. Er weiß auch warum: »Ach das ist dann sowas, das Sie groß als Zitat herausheben können.«
Es wird der Titel.
Ich würde mich für eine Renaissance-Antiqua halten.

Ist Typografie eher eine emotionale oder eine sachliche Angelegenheit?

Natürlich beides. Das ist doch eigentlich in jeder Gestaltungsrichtung so. Ich kann mich noch so emotional einer Sache nähern, oder mir ein noch so emotionales Thema suchen, ich muss auch in der Lage sein das technisch, eben rational, zu bewältigen. Es kommt immer beides zusammen.

Wie entwickelt man eine Schrift? Bzw. wie gehen Sie an ein neues Projekt heran?

Immer anders. Die grundsätzliche Frage ist wahrscheinlich, ist es eine Auftragsarbeit oder ist es eine Retailschrift, also etwas das man frei macht, von dem man hofft, dass es sich irgendwann mal verkauft. Bei der Auftragsarbeit ist die Herangehensweise schon weitestgehend durch die Parameter definiert, die von der Agentur oder vom Kunden kommen. Oft ist so etwas heute in einen Markenprozess eingebettet und man weiß schon ziemlich genau, wie man diese in Schriftform umzusetzen hat. Auch ist dann meistens über die Anwendung schon klar definiert, wie viele Schnitte und Gewichte benötigt werden. Das ist bei Retailschriften völlig unklar. Wenn ich lustig bin mach ich einen Schnitt, und wenn ich lustig bin mach ich auch hundert.

»Als wenn man in die Zukunft schaut und Blade Runner sieht.«
Martin Guder – von der Karolinger Minuskel zur Sound Visualisierung

Wie kommt man dazu, die Schrift für die Bundesregierung zu gestalten? Ausschreibungen, Kontakte?

Das ist immer die Frage der Fragen: Wie kommt man an die Jobs?
Ich hatte das Glück, mal bei MetaDesign gewesen zu sein und hatte von dieser Ausschreibung gehört. Ich glaube, ich habe dann einen ganz schlauen Schachzug gemacht, nämlich Martin Wenzel dazu zu holen, damit wir einfach ein bisschen breiter aufgestellt sind, damit wir uns zu zweit, als Team präsentieren können, sodass der Auftraggeber weiß, dass er sich auf zwei Leute verlassen kann und es ein bisschen schneller gehen würde. Wir haben dann ein abgestimmtes, auf diesen Auftrag zugeschnittenes Portfolio hin geschickt – und das glücklicherweise bekommen.

Neue Schriften für Deutschland.
Ist bei einem »Großkunden« der Reiz größer als bei einem kleineren Unternehmen? Entsteht ein besonders großer Druck?

Wenn ich sagen würde der Reiz wäre größer, dann hieße das, dass all die kleinen Jobs nicht reizvoll sind, das stimmt aber nicht. Der Reiz ist, was die Lösung der Aufgabe betrifft, immer gleich hoch. Die Aufgabe, die Schrift der Bundesregierung zu entwickeln, ist natürlich gegenüber manch kleineren Projekten bedeutender und sie bringt wesentlich mehr Renommee. Aber Reiz liegt auch immer im Lösen von ganz kleinen Aufgaben. Am Anfang dachte ich es würde ein besonderer Druck bestehen, ja. Aber sobald wir uns als Team und dann mit der Agentur und schließlich mit dem Kunden auf eine Marschrichtung verständigt hatten und wir eigentlich alle sehr schnell gleicher Meinung waren, dass das von uns vorgelegte Formmodell überzeugend ist, da ist der Druck gewichen. Was auch sehr viel Druck herausgenommen hat, war der wirklich realistische Zeitplan. Druck entsteht ja oft, wenn man innerhalb kurzer Zeit etwas machen muss und zudem die Marschrichtung nicht klar ist.

Was zeichnet die Bundesregierungsschrift aus?

Wir haben im Gegensatz zu manchen Corporate Schriften, die man für Unternehmen entwickelt, die deutlich stärkere Signale oder Reize aussenden, in dem Falle auf solche »Sperenzchen« verzichtet. Wir wollten einen seriösen, freundlichen und für alle Menschen gleichermaßen zugänglichen Schrifttyp erstellen. Wir wollten wenig polarisieren. Kriterien wie Lesbarkeit, Eleganz aber auch Nahbarkeit spielten eine Rolle. Ich glaube, das zeichnet die Schrift aus, dass sie eben gar nicht erst versucht so besonders auffällig und exklusiv zu sein, sondern, dass sie eher integriert als polarisiert.

Moral und Ethik im Design? Welchen Job würden Sie nie annehmen und wie weit darf ein Designer gehen, um sein Produkt zu verkaufen?

Ich bin erstmal froh, dass ich Grafikdesigner bin und – im Gegensatz zu anderen Berufen – vor vielen moralischen Fragen gar nicht erst stehe und mein Geld mit Dingen verdienen kann, mit denen ich mich nicht groß schuldig mache. Innerhalb dieses Geschäftes gibt es aber hin und wieder Momente, wo man überlegen muss, mach ich das jetzt oder mach ich das nicht? Bislang bin ich erst zwei Mal in diesen Konflikt gekommen. Das waren Jobs für Energieriesen, die sehr stark Atomkraft befürworten. Das habe ich dann abgelehnt.
Ich versuche die Sachen, hinter denen ich stehe, mit den Mitteln zu verkaufen, die ich verantworten kann. Ob andere da irgendwie über die Stränge schlagen und auf welche Weise die die Leute verarschen, das ist deren Bier.

2010 haben Sie zusammen mit Malte Herok die Seite typedepartment.de gegründet. Nur eine Plattform für Ihre Schriften?

Type Department ist zunächst eine Seite auf der wir unsere Schriften zeigen und verkaufen und wo wir auch unsere Arbeiten präsentieren. Später sind noch viele andere Dinge denkbar. Wir sind aber erstmal heilfroh, dass wir überhaupt so weit gekommen sind. Die Website hat uns viel Arbeit gekostet, vor allen Dingen Malte. Wir haben ganz langsame Schritte gemacht und sind jetzt froh, dass die Seite online ist. Wir werden sehen, was in der Zukunft daraus wird. Ich kann mir vorstellen, dass es noch einen Blog gibt, oder dass es vielleicht noch eine Art Bibliothek gibt. Ich hatte mir ganz am Anfang auch mal vorgestellt, dass es ein Forum für die Schriftarbeiten werden könnte, die hier an der Hochschule entstehen, aber wir müssen jetzt erst einmal mal sehen wie das anläuft und was unsere Zeit überhaupt zulässt.

Hatte die Entwicklung der digitalen Medien Auswirkungen auf Ihre Arbeit, hat sich da etwas verändert?

Ich habe 1989 angefangen zu studieren und bin die Generation, die vom ersten Jahr an im Studium digital gearbeitet hat. Als ich in Essen in einer Agentur gejobbt habe, haben sie dort gerade frisch Macs rein bekommen, sodass ich das dort auch von Anfang an digital gearbeitet habe.

In drei Sätzen – was ist Social Media?

Social Media ist ein Phänomen Ihrer Generation, das ich noch gar nicht in dem Umfang nutze, wie ich es vielleicht tun sollte. Es ist auch ein Phänomen, dass ich noch nicht so ganz verstanden habe.
Es ist für mich schon ein Thema, aber ich benutze es selten. Es bleibt bei mir immer, egal ob das Facebook, Linkedin oder Xing ist, die Frage, wie viel es wirklich bringt. Ist die Qualität der Kommunikation dort nicht ein bisschen dürftig? Das frage ich mich oft. Blogs und Foren finde ich in der Hinsicht sinnvoller, da der Austausch dort ein bisschen tiefergehender und reicher ist.

»Social Media gibt’s nicht!«
Warum der Begriff Social Media in die Irre führt

 Plötzlich wird unser Gespräch unterbrochen, weil sein Telefon lautstark aus seiner Jacke hervorschallt. Seine Frau ist dran. Jetzt ist er in Zeitnot. Wir dürfen uns eine letzte – die schönste Frage – aussuchen. Wir handeln zwei aus.

Ist Berlin DIE Stadt für junge Designer?

Das steht immer so in den Zeitungen, dass es so ist. Ich frage mich mittlerweile, ob diese vielen Leute, die wir hier ausbilden überhaupt noch in Berlin unterkommen und ob man nicht einfach auch mal wieder die ganzen anderen Bereiche betrachten muss, wie den Süddeutschen Raum oder Frankfurt und Hamburg.
In puncto Inspiration ist Berlin aber auf jeden Fall weit vorn. Hier zu studieren ist sicherlich ganz toll, weil es natürlich auf allen Ebenen Dinge zu entdecken gibt.

Was ist Ihre Lieblings-Fußballmannschaft?

Ich bin in Regensburg geboren, da liegt natürlich die emotionale und örtliche nähe zum FC Bayern München auf der Hand. Union? Hab ich keinen Bezug zu.

Wir haben unsere letzten zwei kostbaren Fragen aufgebraucht. »Tschüss!«– er springt auf und im gleichen Atemzug ist er praktisch auch schon im Aufzug verschwunden. Wir verzeihen ihm den fluchtartigen Abgang – wenn doch die Familie ruft.

Privat: »Berlin is an easy place to sell.«
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