Frau Holle

Was meint das Märchen? Jörg Schaefer erklärt

Jörg Schaefer ist an der HTW Dozent für Semantik und Designtheorie. Darüber hinaus, kann man ihn durchaus als HTW Urgestein bezeichnen.

Es war einmal …

Ich erinnere mich mitunter der Märchenstunden im Kindergarten. Eine mütterliche, dementsprechend gekleidete Erzieherin (weiße Schürze) las uns andächtig lauschenden und hellwachen (ich stamme aus der Vor-Fernseh-Zeit) am Fußboden sitzenden Kindern Geschichten vor, die wir (mangels bewegter Bilder aus besagtem elektronischen Medium) sofort in Phantasie umsetzten. Ein Goldenes Zeitalter – fürwahr.

Ich erinnere mich allerdings auch beim Frau-Holle-Märchen an eine Verwunderung: Wie kann es sein, dass jemand in einen Brunnen springt (also nach unten), dann auf einer Wiese (also wieder Mitte, Normalwelt) ankommt und schließlich, indem er einfach geradeaus weitergeht, in einem Haus im Himmel ankommt? Ich erinnere mich sogar, eine der weißbeschürzten Damen danach gefragt zu haben und habe – ganz im Sinne Frau Holles – natürlich nur eine unwirsche Antwort bekommen.
Heute weiß ich: es muss sich bei diesem Weg um etwas Symbolisches handeln.

Wer ist denn nun Frau Holle?

Fangen wir mit der Etymologie an. Der Name kommt von der germanischen Göttin »Hel«. Hel (gotisch halja angelsächsisch hell, im norddeutschen auch Hella) kommt von dem Wort »Untererde«, ist die Göttin der Unterwelt. Das Reich der Hel, halja, ist bei den germanischen Stämmen der Ort, wo die Seelen zwischen den verschiedenen Leben hier draußen die meiste Zeit zubringen. Es hat Ähnlichkeit mit dem griechischen Hades. Zur christlichen Hölle gibt es deutliche Unterschiede – diese ist bekanntlich ein Ort der Strafe und ein Ort des Schreckens. Das sind Halja und Hades auf gar keinen Fall. Aber das Wort »Hölle« geht darauf zurück.

Also Hel, die Göttin der Unterwelt.

Sie ist eine Variante der höchsten Gottheit aller Kulturen: Die »Große Mutter«. Die Große Mutter, die Magna Mater ist einer der grundlegendsten und archaischsten Archetypen schlechthin.

Ich zitiere mal Apuleius, den großen römischen Schriftsteller (u.a. Autor von Amor und Psyche):

Die Natur, die universelle Mutter, die Herrin über alle Elemente, das Urkind der Zeit, unumschränkt über alle Dinge des Geistes herrschend, die Königin der Toten, auch die Königin der Unsterblichen, … auf deren Wink die strahlenden Höhen des Himmels regiert werden, die heilsamen Seebrisen, das beklagenswerte Schweigen der Unterwelt.

Sie ist mithin zuständig für – alles: Der Ursprung des Lebens, das Prinzip des Nährenden, Erhaltenden, sie umschließt alle Phasen des menschlichen und kosmischen Lebens, Himmelskönigin, Mutter der Gottheiten, Hüterin des Mysteriums von Geburt und Tod, der Lebensphasen und der Wiedergeburt. Sie ist zuständig für den Wechsel der Jahreszeiten (Hel schickt Balder zeitweilig »nach oben«, so wird es Frühling; Demeter erreicht bei Zeus, dass ihre Tochter Persephone zeitweilig aus dem Hades wieder an die Oberwelt darf, auch dadurch wird es Frühling), sie ist die Herrscherin über das lebensspendende Wasser (der Brunnen ist ihr heilig, mitunter auch Quellen). Sie ist als Mondgöttin zuständig für den Ablauf des Jahres (Einteilung der »Monate« – auch »Monde« genannt). Alle großen Mütter der Mythologie sind Weberinnen oder Spinnerinnen, sie weben das Muster des Lebens. Sie ist – wie jede Frau – zu einer Unzahl von Emotionen fähig: Sie kann verliebte, verführerische Braut sein (Eva), sie kann jungfäuliche (das ist nur eine Metapher für »rein«) Mutter sein wie Maria, sie kann trauernde Mutter (Mater Dolorosa – vgl. die Pieta-Darstellungen in der Kunst) sein, sie steht für Weisheit und Selbstbeherrschung (Athene), sie steht aber auch für Haß, Wut und Verachtung.

Kurz:

Ich bin alles, was gewesen ist, ist und sein wird, und meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet.

Da kann man als Mann nichts weiter hinzusetzen.
Nur dieses: ich empfehle zur Lektüre die Kassandra– Texte von Christa Wolf, da wird in einem Teil ausführlich das Prinzip der Großen Mutter besprochen – ausserdem ein richtig gutes Stück deutscher Literatur.

Zugleich verkörpert diese Magna Mater das Prinzip des Dualismus: Sie ist nämlich immer belohnende und bestrafende Gottheit zugleich.
Ihr nährender, wohltätiger, kreativer Aspekt heißt z.B. Isis, Hathor, Ishtar (das Tor im Pergamon-Museum!) Kybele, Parvati, Lakshmi, Demeter; als strafender, verstrickender, auch tötender Anteil wird sie Astarte, Kali, Durga, Lilith, Hekate, Kirke oder Schwarze Jungfrau genannt. In den Märchen ist sie mitunter die Hexe. Allerdings: diese Negativbewertung ist ein christliches Motiv: die Kirche wollte bei ihrer Missionierung durch Kreuz und Schwert im Mittelalter jeglichen Einfluss der Naturreligionen zurückdrängen – aus der weisen Heilerin wurde die kinderfressende Hexe.

Aber zurück zum Dualismus: Wir kennen alle diesen Archetypus aus eigener Erfahrung: Die Mutter ist sanft und aufbrausend, vertrauensvoll und mißtrauisch, belohnend und bestrafend, sie ist gütig und verachtungsvoll, sie will uns an sich binden und sie will, dass wir uns selbst entwickeln, sie ist mütterlich bis zur Selbstverleugnung und unerträglich egoistisch, sie ist nährende Kuh und meckernde Ziege – das alles abwechselnd, mitunter aber auch gleichzeitig, alles zusammen.

Dieser archetypische Dualismus wird in unserem Märchen deutlich.

Schauen wir uns den Ablauf an.
Unsere Marie sticht sich (wahrscheinlich vor Müdigkeit) mit der Spindel, ein paar Tropfen Blut (man beachte die Analogie zum Dornröschen!) drohen, ihr Arbeitsprodukt zu verunreinigen. Sie will die Spindel abwaschen und fällt dabei in den Brunnen. Dabei verliert sie das Bewusstsein und wacht wieder auf einer blühenden Wiese auf. Das heißt: eine junge Frau/Mädchen bei typisch weiblicher Beschäftigung begibt sich angesichts der Tatsache dass irgendwo Blut tropft, auf eine Reise ins Ungewisse, indem sie ins weibliche Element abtaucht. Das »auf die Reise gehen«, eine in Märchen und Sagen häufig vorkommende Metapher, steht immer für »etwas beginnen«, beschreibt einen Punkt, wo etwas Neues seinen Anfang nimmt – so etwas nennt die Mythologieforschung eine »Initiation«.
Es gibt genauso männliche Initiationsgeschichten, die mit einer Reise ins Unbekannte beginnen, der »Heldenmythos«, der mit dem Sieg über einen Drachen endet, wäre die vielleicht bekannteste Variante davon.

Wir haben es also mit einer weiblichen Initiationsgeschichte zu tun.
Anders als bei »Rotkäppchen«, wo es vordergründig um die sexuelle Initation durch den Wolf geht, aber auch bei Schneewittchen, wo das die »Sieben Zwerge« (ja, ja, genau!) erledigen, spielt dieses Moment bei unserer Goldmarie nur eine untergeordnete Rolle. Es handelt sich hier nämlich um eine Initation in die Mysterien des Lebens schlechthin: in der Mythologieforschung nennt man das eine »schamanische Initation«. Jeder Schamane/jede Schamanin wird an einem Punkt des Lebens »eingeweiht«.

Erste Stufe: Sie muss ein bestimmtes Alter erreicht haben. Das Blut ist dafür die Metapher. Der Zeitpunkt für die Initiation ist also die sexuelle Reife.
Zweite Stufe: Sie fällt in das urweibliche Element – Brunnen – , der zugleich der Weg in die »Unterwelt« (= die Welt des Unbewussten) ist, verliert dabei das Bewusstsein (alle schamanischen Rituale haben an irgend einer Stelle mit Trancezuständen zu tun) und kommt an einen unbekannten, aber anziehenden Ort.
Dritte Stufe: Sofort wird sie mit Pflichten konfrontiert.

Zuerst der Backofen: Der ist natürlich eine Metapher. Eine warme Höhle, in der etwas heranwächst und irgendwann unbedingt »rausgeholt« werden muss – was fällt uns dazu eventuell ein? Richtig! Wer kennt nicht die etwas despektierliche Redewendung, eine Schwangere habe »ein Brot/einen Braten in der Röhre«. Marie wird also sofort mit einer weiblichen Pflicht konfrontiert. Es war damals unerlässlich, dass Frauen sich untereinander halfen, in einer Zeit, als es noch keine Frauenkliniken gab.
Dann der Apfelbaum: Wir kennen alle die Symbolik das Apfels bei Eva (bei Persephone ist es der Granatapfel) als Attribut des Verführerischen. Auch hier lernt Marie ein Grundprinzip von Weiblichkeit. Sie stapelt die Äpfel fein säuberlich auf, damit sie jederzeit parat sind. Beim Apfelsymbol kommt noch eines hinzu: Die Übergabe des Apfels an jemanden bedeutet zugleich: du bleibst bei mir. Er ist also Symbol für Verführung und Verpflichtung zum Bleiben gleichzeitig. Daher übrigens das Zögern Adams, das auf den meisten Sündenfall–Gemälden zu sehen ist.

Nachdem Marie diese beiden »Aufnahmeprüfungen« von Frau Holle bestanden hat, folgt die eigentliche Immatrikulation: Marie wird mit Frau Holle konfrontiert, die in einigen Versionen des Märchens als eine »schrecklich anzuschauende« Alte mit langen Zähnen beschrieben wird. »Lange Zähne« – kennen wir das nicht irgendwoher? Nämlich von einer angeblichen Großmutter, vor der das junge Ding erschrickt und fasziniert ist zugleich?

Vierte Stufe: Marie wird zur Assistentin und muss sich nun über längere Zeit bewähren. Sie wird in die Pflichten der »Großen Mutter«, die Abläufe der Natur betreffend, eingewiesen: Z.B. muss sie jeden Abend (nicht etwa morgens!) die Betten ausschütteln. Ein Tag im Leben der Frau Holle (und im Moment auch von Marie) ist gleich einem Jahr »da draußen«. Diese Arbeit ist ihre dritte Prüfung. Bei dieser ist jetzt Ausdauer und Durchstehvermögen gefragt. In den ersten beiden war es die Fähigkeit zum raschen, zupackenden Handeln und der Ordnungsinn, verbunden mit Voraussicht. Nachdem Marie auch diese Prüfung glänzend bestanden hat, gilt sie als initiiert, sie hat sich den Mysterien der Weiblichkeit gestellt, hat dabei Ängste überwunden, verschiedene Fähigkeiten bewiesen und »gehört nun dazu«. Der Goldregen (gelbe/goldene Strahlen) sind in der bildenden Kunst und Architektur meistens Symbole für das Thema »Erleuchtung«.

Damit kann sie – fünfte Stufe – wieder »in die Welt« zurück kehren. Sie ist jetzt eine Initiierte, eine Stellvertreterin der Göttin auf Erden, die anderen Frauen den Weg zeigen kann.

Und dass ausgerechnet der Hahn sie begrüßt – na ja.Die »Pechmarie« unterscheidet sich in einem signifikanten Punkt von ihrer Schwester: sie geht nicht naiv, intuitiv und mit Lust an ihre Aufgaben heran, sondern reflektiert, kalkuliert, sie denkt von vornherein an die mögliche Belohnung. Das ist der eigentliche Grund für ihr Scheitern. Frau Holle (Hel) belohnt nur die, die bedingungslos ihre ganze Person der eigenen Vervollkommnung widmen. Das – und nicht das moralinsaure faul-fleißig-Schema ist das eigentliche Thema dieser archetypischen Initiationsgeschichte. Ich wünsche Ihnen Freude auf allen Initiationswegen, die Ihnen noch bevorstehen.

Jörg Schaefer

Frau Holle. Anders.
Felix Bork über sein Projekt

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und das Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol‘ sie auch wieder herauf.« Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte, und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: »Ach, zieh‘ mich ,raus, zieh‘ mich, raus, sonst verbrenn‘ ich, ich bin schon längst ausgebacken!« Da trat es hinzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baume, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: »Ach, schüttle mich, schüttle mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!« Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.

Endlich kam es zu einem kleinen Hause, daraus guckte eine alte Frau; weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib‘ bei mir; wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, soll dir’s gut gehen. Du musst nur Acht geben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.« Weil die Alte ihm so gut zusprach, fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer auf, dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste es anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh hatte; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Hause, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: »Ich habe den Jammer nach Hause gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.« Die Frau Holle sagte: »Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.« Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du fleißig gewesen bist«, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf wurde das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:
»Kikeriki, Unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!« Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold gedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Was anderes gefällig?

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