Das Gelbe vom Ei

Kürzlich hat man der Universalbibliothek ein Facelift verpasst.

Es geht um Reclam. Klein, gelb und immer mit klugem Inhalt. Die meisten unserer Generation verbinden mit den kompakten Büchlein den Deutsch-Grundkurs der Oberstufe, Textmarker, Eselsohren und Klausuren. Viele werden infolgedessen auch nicht unbedingt in Freudentaumel und melancholischen Gefühlen ausbrechen wenn sie beim Wühlen in Umzugskartons über die abgegriffenen Exemplare stolpern. Und doch lohnt sich ein wohlmeinender Blick auf die gelben Quälgeister die uns über Jahre unserer Schullaufbahn begleitet haben.

Auch ich habe mir selten, um nicht zu sagen nie, Gedanken über den Verlag, dass Aussehen und die Erscheinung der Reclams gemacht. Doch nun im Jahre 2012 ist ein guter Zeitpunkt gekommen genau das zu tun, denn Reclam hat seine Bücher ein wenig aufgehübscht. In der Tat nur ein wenig, denn wer nicht genau hinschaut, dem fällt die Veränderung kaum auf, und wer es doch tut hält die Neuerungen höchstens für marginal.

Doch schaut man sich die Geschichte der Reclambücher an, so erstaunt einen der Entwicklungsweg, im äußeren als auch im inneren Kontext. Gegründet wurde der Reclam-Verlag 1828 in Leipzig von Philip Reclam, der sich mit geliehenem Geld das Literarische Museum in Leipzig kauft, samt Leihbibliothek und Lesekabinett. Bald kommt noch eine Druckerei dazu, die Grundsteine für einen Verlag sind also gelegt. Der Clou des Reclamverlags liegt aber in einem entschiedenen Ereignis vom neunten November 1867. Der Grund, warum Reclam nicht vergleichbar mit allen anderen deutschen Verlagen ist, liegt in einer Regelung der deutschen Bundesversammlung die an genau diesem Tag beschlossen wurde. Diese regelte nämlich das neue Urheberrecht, laut dem die Schutzfrist für Autoren 30 Jahre nach deren Tod verfällt. Bedeutet: Literatur für alle, solange der Autor lange genug das zeitliche gesegnet hat. Reclam machte sich diese Regelung zu nutze und schaffte es, bedeutende Weltliteratur zu drucken und zu extrem günstigen Preisen anzubieten. So ist Reclam nicht nur Universal Bibliothek wie sie sich so schön nennt, sondern Bildungsverlag Nummer eins – was jeder von uns zu spüren bekommen hat.

Die Entwicklung des Reclam-Umschlags

Seit 1828 ist eine Menge Zeit vergangen, da versteht es sich von selbst dass die Bücher die ein oder andere Entwicklung durchgemacht haben. Kaum zu glauben, 1912 gab es sogar Reclamautomaten, an denen man Taschenbücher ziehen konnte wie Zigaretten. Für ein Buch bezahlte man dort 20 Pfennig, im Buchladen von heute im Schnitt sechs Euro. Das teuerste was man jemals für ein Reclam bezahlen musste waren übrigens 330 Milliarden Reichsmark. Das war während der Hochinflation 1923.

Die Reclam-Bändchen waren natürlich nicht schon immer gelb. Vom anfänglichen blassrot über Eierschale bis schlicht Weiß, war schon einiges dabei. Kitschige Blumenranken, Frakturschrift, grazile Rahmen und verschnörkelte Logos, Reclam hat seine Bücher schon oft in neue Gewänder gehüllt. Zur Feier der fünftausendsten Ausgabe wurden die gebunden Ausgaben sogar von Peter Behrens neu gestaltet, Designaffinen und AEG-Kunden dürfte der ein Begriff sein. Für das so vertraute gelb entschied sich der Verlag erst in den 1970ern, nachdem der Verlag zwei Weltkriege, neue Urheberrechtsgesetze und die deutsche Teilung erlebt hatte (ja, es gab sogar zwei Reclamverlage – für jede Seite einen). Seitdem wurde an dieser Gestaltung immer wieder verändert und verbessert, doch will man den Lesern doch nicht das gelbe vom literarischen Ei nehmen, Reclam ist gelb (gut es gibt auch andere Signalfarben) und soll es auch bleiben.

So ist es auch nach der Neugestaltung 2012. Dazu gekommen ist nur ein kleines weißes Fenster in dem nun der Titel steht und eine neue Schrift, die DTL Documenta. Gut so, finde ich- denn welch Katastrophe es wäre, sollte uns der Verlag unsere beste und dankbarste Schaffensfläche während der Schulzeit nehmen! Diese herrliche Weite auf denen ich und meine Mitschüler uns austobten, aus allseits bekannten Titeln wurde dann schnell mal „Theodors Fontäne – Kanibale und Liebe“. Blumenranken, Strichmännchen, detailverliebte Karikaturen des Lehrpersonals – ja, der „Gelbraum“ des Covers ist und war eine dankbare Fläche für die zeichnerischen Entgleisungen eines jeden Schülers. Zum Glück.

Von Carolin Kaspereit, 4. Semester KD

Mein gelbes iPhone
Von Peter Haffner

Daten und Fakten rund ums Reclam-Heftchen

Wenn ihr euch schon immer gefragt habt wie die Farbverteilung der Reclam Universal-Bibliothek aussieht, wie viel Gramm ein Reclam im Durchschnitt wiegt oder welche Heftchen die Verkaufsschlager sind, dann haben wir hier die passenden Infografiken für euch:

Was anderes gefällig?

icon