»Aus eigener Herstellung«

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Dein Projekt in einem Satz?

Ein Satz, schwierig. Es geht darum, wie Fleisch »hergestellt« wird, wie aus einem Schwein ein Stück Fleisch wird, das auf unserem Teller landet.

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Werden und Vergehen
Fotoarbeiten des 3. Semesters, Studiengang Kommunikationsdesign, WS 2011/ 12

Wie war der Entstehungsprozess?

(Von deiner Idee bis zum ersten Foto).

Unser Dozent Thomas hat mit uns anfangs das Thema diskutiert, wir haben uns Fotoarbeiten von Fotografen zum Thema »Werden und/oder Vergehen« angeguckt, um Inspirationen zu sammeln und mich hat eine Serie von einer Fotografin inspiriert, die die Tiere und das Schlachten auf einer australischen Farm fotografiert hat. Ich weiß leider nicht mehr wie sie heißt. Auf jeden Fall stand für mich dann fest, dass ich Tiere fotografieren möchte und Thomas meinte, wir sollen vorhandene Kontakte nutzen und in unserer Umgebung nach einem möglichen Thema suchen. Dann kamen mir meine Großeltern in den Sinn und die Idee fand großen Anklang, zumindest bei Thomas, der Kurs war im Allgemeinen nicht so begeistert. Als ich die ersten Fotos gezeigt habe, haben sogar einige den Raum verlassen.

Die Grundaussage deiner Serie?

Man sollte sich stets darüber bewusst sein, dass man ein Stück Tier isst, wenn man Fleisch verzehrt. Ein Kommentar aus dem Kurs war folgender: »Als man anfangs noch das Tier gesehen hat, da war’s schon ganz schön hart, aber als du die Fotos mit dem Fleisch gezeigt hast, war´s gar nicht mehr so schlimm.« Man darf die Tatsache einfach nicht außer Acht lassen, dass Fleisch auch mal lebendig war. Wenn man das nicht verkraftet, sollte man kein Fleisch essen.

Man sollte einfach verantwortungsvoll mit den Tieren umgehen. Auch wenn der Fleischkonsum immer weiter steigt, Massentierhaltung und Mastanlagen sind sehr kritisch zu betrachten. Dass Tiere zu unserem Verzehr gehalten werden ist die eine Sache, aber dass es uns dann nicht schnell genug geht und wir sie auf unnatürlichste Art und Weise mästen, bis sie endlich fett genug und schlachtreif sind, das ist schon ganz schön abartig.

Mit welchem Gefühl ist Schlachten für dich verbunden?

Ich bin mit dem Schlachten aufgewachsen. Als kleines Kind hab ich manchmal mitgeholfen und durfte dann das Blut umrühren. Früher hat mich das nicht gestört. Da wusste man auch nicht, was »Tod« bedeutet. Mit dem Älterwerden hat sich das natürlich geändert, und ich hab immer einen großen Bogen ums Schlachthaus gemacht, wenn ich bei meinen Großeltern war. Inzwischen seh ich das nicht mehr ganz so. Ich hab mich jetzt so auf dem Mittelweg zwischen beiden Extremen eingepegelt.

Wie würdest du die Stimmung auf dem Hof an einem Schlachttag beschreiben?

Die Stimmung ist immer sehr familiär, logischerweise. Mein Opa schlachtet nicht mehr allein, meistens ist mein Cousin Maik mit dabei und übernimmt die körperlich schweren Arbeiten. Er ist zwei Jahre jünger als ich und wird von unserem Opa angelernt. Auf der einen Seite herrscht manchmal ein bisschen Angespanntheit und Zeitdruck. Es soll alles zügig verarbeitet werden, jeder Handgriff muss gut sitzen. Dann wird gewartet bis der Tierarzt zur sogenannten »Fleischbeschau« kommt um das Fleisch zu untersuchen und Proben fürs Labor zu nehmen. Wenn am nächsten Tag das O.K. vom Tierarzt kommt, wird das Fleisch weiterverarbeitet und es wird dann eigentlich nur stressig, wenn die mithelfenden Personen nicht genug Zeit haben. Sonst ist es entspannt. Während das Fleisch im großen Kessel kocht, wird Mittag gegessen. Es gibt frische Hackepeterbrötchen mit Zwiebeln und Wellfleisch. Das ist gekochtes Fleisch, das später noch zu Wurst weiterverarbeitet wird. Nach dem Essen geht es weiter, bis in den frühen Abend hinein. Zwischendurch werden auch das ein oder andere Schnäpschen getrunken und Zuckerkekse vom Lieblingsbäcker gegessen. Was die Sinne betrifft: man hört, wie Messer geschärft werden, wie das Bolzenschussgerät knallt, das Schwein ist die ganze Zeit über ruhig, irgendwann still, man sieht viel Blut, das ganze Schlachthaus ist voll Wasserdampf. Meistens sind Freunde oder Bekannte auf dem Hof, oft derjenige, dessen Schwein gerade geschlachtet wird. Man unterhält sich nebenbei und währenddessen gibt mein Opa meinem Cousin Anweisungen und Ratschläge.

An welchen Stellen, wird dieses Gefühl auch über deine Bilder vermittelt?

Also dass das ganze körperlich anstrengend ist, sieht man auf dem dritten Foto, auf dem mein Cousin das Schwein in den Brühtrog hievt. Die familiäre Atmosphäre sieht man auf dem Foto, auf dem meine Oma gerade vorbeiguckt, die eigentlich meist nicht beim Schlachten dabei ist. Deutlich wird das auch auf dem Foto mit meinem Opa, der eigentlich überhaupt nicht gern fotografiert wird, die Kamera aber grad gar nicht wahrnimmt.

Die anderen aus deinem Kurs waren schockiert. Hat dich das überrascht? Wolltest du schockieren? Wie genau waren die Reaktionen bei der ersten Konsultation? Haben deine Bilder einen aufklärerischen oder eher einen emotionalen Hintergrund?

Ich muss gestehen, ich hab am Anfang schon ein bisschen gegrübelt, ob ich das Thema wirklich nehmen soll oder nicht. Aber dann hat es mir doch sehr gut gepasst, dass es ein polarisierendes Thema ist, das man von mir vielleicht nicht unbedingt erwarten würde. Und dass es schockiert, war mir von vornherein auch klar. Es ist eine Thematik, die glaube ich niemanden wirklich kalt lässt, erst recht niemanden, der damit nicht aufgewachsen und vertraut ist, was die wenigsten heutzutage sind. Dementsprechend hab ich damit gerechnet. Dass allerdings einige Leute den Raum verlassen, darauf war ich am Anfang nicht wirklich vorbereitet. Irgendwann hat’s mich dann nicht mehr sonderlich interessiert. Meine Fotos sollen natürlich aufklärerisch sein, aber sie sind es auf einem emotionalen Weg. Sie sind also beides. Man sieht ja nicht nur die einzelnen Schritte beim Schlachtungsablauf, sondern zwischendrin auch meine Großeltern oder stark emotional aufgeladene Fotos. Zum Beispiel das Foto mit dem Blut auf dem Boden und natürlich das Allererste mit dem noch lebendigen Schwein. Das letzte Foto ist eigentlich auch sehr emotional, man denkt zwar, es ist nur Fleisch zu sehen, aber wenn man genau hinsieht, erkennt man noch die Schweineschnauze.

Welche Bedeutung hat Fleisch deiner Meinung nach für den Konsumenten? Meinst du es interessiert, wo das Fleisch herkommt? Was gäbe es aus Designsicht für Möglichkeiten, bessere Aufklärung am Markt zu schaffen?

Wie gesagt, der Fleischkonsum in Deutschland ist so groß wie noch nie. Tendenz steigend. Aber das Bewusstsein hat sich, denke ich, in den letzten Jahren schon ein wenig geändert. Der Trend geht ja immer mehr in Richtung Bio und spätestens seit den ganzen Gammelskandalen und der damit verbundenen Medienpräsenz, achtet der Konsument vielleicht ein kleines bisschen mehr darauf, was er für Fleisch konsumiert, wie die Qualität ist, bzw. wie die Tiere gehalten werden. Auch wenn gutes Fleisch teurer ist, da sollte man auf keinen Fall am falschen Ende sparen. Als Designer könnte man genau diese Bauern in ihrem Auftreten unterstützen und fördern, damit sie sich weiter auf dem Markt etablieren können, denn wenn sie vom Markt verdrängt werden, hat man keine Wahl mehr, keine Alternativen. Und man kann natürlich Arbeiten publizieren die sich gegen die Mastanlagen und Massentierhaltung richten, um die Konsumenten noch mehr dafür zu sensibilisieren, dass sowas nicht in unser aller Interesse sein kann. Ob man nun fotografische Arbeiten ausstellt, oder Plakatkampagnen startet, da gibt es ja eine Menge Möglichkeiten.

Ich habe irgendwo mal von einer Initiative gelesen, in der es darum ging, das lebendige, glückliche, flauschige Tier auf der Fleischverpackung zu zeigen. Da bekommt der Kunde vielleicht auch ein klein wenig mehr den Bezug dazu, bzw. das Bewusstsein dafür, dass das Fleisch mal ein Lebewesen war.

Wie schafft man es eine Sache von Anfang bis Ende mit Leidenschaft durchzuziehen? Gibt es Hänger? Wie motiviert man sich?

Also mir ging es so, ich hab bisher noch nicht so viel fotografisch gearbeitet und wollte natürlich am Ende ein tolles Ergebnis haben. Klar, das will man immer, aber als – ich sag jetzt mal »Anfänger« – möchte man sich ja auch ein Stück weit beweisen. Vor anderen und natürlich vor sich selbst. Das hat mich eigentlich die ganze Zeit über angetrieben. Klar gibt es Hänger, vor allem auch, weil das natürlich kein Thema ist, das jetzt irgendwie Spaß macht oder so. Ich find auch bei anderen Arbeiten, wenn man das Ziel vor Augen hat, dann ist das schon eine sehr gute Motivation.

Gibt es sonst noch etwas, das du uns unbedingt mitteilen möchtest?

Ich möchte niemanden dazu auffordern, ab heute kein Fleisch mehr zu essen und möchte es auch keinem verderben, ich wollte nur ein wenig sensibilisieren.
Also nicht vergessen: »Fleisch ist totes Tier!« und »Augen auf beim Fleischkauf!«

Danke fürs Interview!

Was anderes gefällig?

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